Diese Website ist inzwischen veraltet, wird nicht mehr gepflegt und wird voraussichtlich in einigen Monaten offline genommen. Wenn jemensch Interesse daran hat die Inhalte zu übernehmen und weiter zu pflegen, kotanktiert mich bitte über exploeco.de. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Inhalte eine Zukunft hätten. Ich stelle gerne alles Notwendige zur Verfügung und bin auch gerne bei der Einrichtung einer neuen Website oder eines neuen Wikis behilflich. Gerne kann auch ein ehemals gestarteter Ansatz reaktiviert werden, unter wiki.fsrpsy-leipzig.de.

8. Selbst und Identität

Begriffe und Funktionen

Selbst

„Selbst und Identität [sind] Platzhalter für eine Gesamtheit psychologische Erfahrungen (Gedanken, Gefühle, Motive etc.), die das Verständnis einer Person von ihrem Platz in der sozialen Welt widerspiegeln.“ (Simon & Trötschel, 2007)

Selbstkonzept

„Eine kognitive Repräsentation des Selbst, die die eigenen Erfahrungen mit Kohärenz und Sinn erfüllt, einschließlich der sozialen Beziehungen, die man zu anderen Menschen hat. Das Selbstkonzept organisiert frühere Erfahrungen und trägt dazu bei, relevante Stimuli in der sozialen Umwelt zu erkennen und zu interpretieren.“ (Simon & Trötschel, 2007)

Selbstwert

„Die Einstellung gegenüber der eigenen Person auf einer Bewertungsdimension, die von negativ bis positiv reicht.“ (Simon & Trötschel, 2007)

Selbstwirksamkeit

„Die subjektive Erwartung bezogen auf die eigene Fähigkeit, bestimmte Bereiche der eigenen Umwelt kontrollieren und wichtige Ziele in einem bestimmten Bereich erreichen zu können.“ (Simon & Trötschel, 2007)

Selbst und Identität

Selbst

Der Begriff des Selbst ist eher nordamerikanisch geprägt:

  • Selbstrepräsentation → Persönlich/Einzigartig
  • Gruppenzugehörigkeit → Nur ein Merkmal
  • Schwerpunkt interpersonale Beziehungen

Vergleich zwischen Individuen

Identität

Der Begriff Identität ist eher europäisch geprägt:

  • Selbstrepräsentation → Sozial geteilte Merkmale
  • Gruppenzugehörigkeit → Zentral
  • Schwerpunkt intergruppale Beziehungen

Vergleich zwischen Gruppen (z.B: Deutsche/Franzosen)

Sozialpsychologischer Mediator

Das Selbst kann als sozialpsychologischer Mediator betrachtet werden. Eine (1) Interaktion in einer sozialen Umwelt führt zu (2) Identität/Selbst, welche dann wiederum eine (3) Interaktion in der sozialen Umwelt bewirkt.

Beispiel

  1. Mutter bezeichnet eigenes Kind als „Revoluzzer“
  2. Ausbildung eines Selbst / einer Identität als „Revoluzzer“
  3. Verhalten als „Revoluzzer“ auf der nächsten Demo

Funktion des Selbstwissens

„self-knowledge is crucial in directing and regulating our thoughts, feelings, and behaviors.“ (Smith & Mackie, 2007)

Das Selbstwissen dient der Regulierung von:

  • Gedanken
  • Gefühlen
  • Verhalten

Quellen des Selbstwissens

Selbstwissen ergibt sich aus (1) Beobachtungen von:

  • Eigenem Verhalten
  • Eigene Gedanken
  • Reaktionen anderer

Außerdem durch (2) Selbstschemata und (3) Soziale Vergleiche.

1. Beobachtungen

Rückschlüsse aus eigenem Verhalten

Die Selbstwahrnehmungstheorie beschreibt, wie das Selbst durch Rückschlüsse aus dem eigenen Verhalten zustande kommt. Dies geschieht unter 2 Bedingungen:

  • Fehlen starker innerer Wahrnehmung/Emotion
  • Freiwilligkeit von Verhalten (intrinsische Motivation)

⇒ Bereits Vorstellung des eigenen Verhaltens ist hinreichend für das Selbstbild

Beispiel: Korrumpierungseffekt

Der Korrumpierungseffekt (oder auch Overjustification-Effect) ist ein Beispiel dafür, dass die Beobachtung des eigenen Verhaltens einen Einfluss auf das Selbst hat.

Der Korrumpierungseffekt bezeichnet eine Ersetzung einer intrinsischen Motivation (Verhalten wird frewiilig/spontan gezeigt) durch eine extrinsische Motivation (Verhalten wird nur bei Belohnung gezeigt). Wird also ein intrinsisch motiviertes Verhalten belohnt (mit vorigem Erwartungsaufbau), so wird dieses Verhalten in Zukunft nur noch bei Belohnung (nicht mehr freiwillig) gezeigt, die intrinsische Motivation wurde durch eine extrinsische ersetzt (Siehe auch in Allgemeine Psychologie).

Beispielstudie

In einer Studie wurden Kinder beim freien Spielen beobachtet. Dabei bekamen sie entweder eine (1) Belohnung, (2) keine Belohnung oder eine (3) unerwartete Belohnung. Anschließend (1-2 Wochen später) wurden die Kinder erneut beim Spielen beobachtet. Das Ergebnis:

  • Erwartete Belohnung → Verhalten wurde deutlich weniger gezeigt
  • Keine Belohnung/Unerwartete Belohnung → Verhalten wurde gleichermaßen wieder gezeigt

Rückschlüsse aus den Reaktionen anderer

Bereits 1902 erhielt diese Quelle des Selbst die Bezeichnung looking-glass-self („Spiegelbild-Selbst“).

Beispielstudie

In einer Studie wurden 3 unterschiedliche Klassen (5. Klasse) bezüglich der Sauberkeit im Klassenzimmer durch eine 7-Tage-Intervention untersucht. Dabei gab es drei Interventionsfälle:

  • Appell → „Seid sauber!“
  • Rückmeldung → „Ihr seid sauber“
  • Kontrollgruppe → Keine Intervention

Im Ergebnis erhöhte der Apell das Sauberkeitsverhalten zwar kurzfristig, war jedoch nach 2 Wochen auf dem Niveau der Kontrollgruppe. Die Rückmeldung erhöhte das Sauberkeitsverhalten deutlich und hielt sich auch bis 2 Woche nach der Untersuchung auf einem sehr hohen Niveau.

⇒ Rückschluss aus der Reaktion anderer beeinflusst das Selbst

2. Selbstschemata

Ein Selbst entsteht auf unterschiedlichen Dimensionen auch durch (1) schematische oder (2) aschematische Repräsentationen. Dabei können Schematas (automatische Verarbeitungen) das Selbst bilden.

„Self-schemata are cognitive generalizations about the self, derived from past experience, that organize and guide the processing of self-related information contained in the individual's social experiences.“ (Hazel Markus, 1977)

Schematisch/Aschematische Dimensionen

Eine schematische Verarbeitung findet meist leistungsstärker statt, während eine aschematische Verarbeitung eher flexibel ist.

  • Informationsverarbeitung → Schnell/Langsam
  • Verhaltenserinnerung → Präzise/Unwissend
  • Verhaltensvorhersage → Wissend/Unwissend
  • Umgang mit kontraschematischen Inhalten → Zurückweisend/Akzeptierend

Independentes/Interdependentes Selbstschemata

Das Selbst kann unterschiedlich attribuiert werden:

  • Independentes Selbst → Fähigkeiten, Einstellungen, Persönlichkeitsmerkmale, Einzigartige Eigenschaft
  • Interdependentes Selbst → Enge Beziehung, Soziale Kontexte, Soziale Rollen, Gruppenmitgliedschaft

In der kulturvergleichenden Forschung lassen sich Unterschiede der Schematas zwischen Kulturen feststellen:

  • Individualistische Kulturen → Independentes Selbst
  • Kollektivistische Kulturen → Interdependentes Selbst

3. Soziale Vergleiche

Auch soziale Vergleiche können einen Einfluss auf das Selbst haben. Dies beschreibt die Theorie der sozialen Vergleichsprozesse (Social Comparison Theory). Eine Selbsteinschätzung wird über ähnliche andere Personen ermöglicht.

Dabei ist der Vergleich abhängig vom Selbstwertmotiv. So kann ein (1) Abwärtsvergleich / Aufwärtsvergleich oder auch ein Vergleich mit eher (2) unähnlichen anderen / ähnlichen anderen stattfinden.

Assimilation/Kontrast

Ein Vergleich mit Besseren muss nicht unbedingt zu einem besseren Selbstbild führen. Es kann zwar eine Assimilation eintreten, aber auch ein Kontrast durch den Vergleich mit dem Besseren ist möglich.

  • Assimilation → Aufwertung, Verglichene Person ist genauso gut
  • Kontrast → Abwertung, Verglichene Person ist besser

Nach dem Selective Accessibility Model kann es folgendermaßen eingeteilt werden:

  • Assimilation → Vergleich mit Ähnlichen
  • Kontrast → Vergleich mit Unähnlichen

⇒ Vergleiche mit anderen wird überprüft (Hypothesentesten)

Das multiple Selbst

Persönliches/Soziales Selbst

Nach der Selbstkategorisierungstheorie entscheidet Verfügbarkeit und Passung über die Selbstkategorisierung in eine der zwei Formen:

  • Individuum → Persönliche Identität
  • Gruppenmitglied → Soziale Identität

Dabei wird das Selbstkonzept durch eine der beiden Kategorisierungen (Individuum / Prototypische Gruppenmitglied) bestimmt. Es findet also eine Selbststereotypisiserung statt.

Vergleiche finden somit (1) Interindividuell oder (2) Intergruppal statt.

Selbstregulation

„Self-regulation comprises the volitional and cognitive processes individuals apply to reach a (subjectively) positive state.“ (Sassenberg & Woltin, 2007)

„Strategies that we use to match our behaviour to an ideal or 'ought' standard [of the self].“ (Hogg & Vaughan, 2007)

Nach der Self-discrepancy theory wird zwischen zwei Extremen unterschieden:

  • Ideal-self → Selbst, welches durch Wünsche und Hoffnungen bestimmt ist
  • Ought-self → Selbst, welches durch Verpflichtungen und Aufgaben bestimmt ist

Außerdem kann der Fokus zwischen zwei Polen unterschieden werden:

  • Promotion focus → Fokus auf Aufstieg/Aktion
  • Prevention focus → Fokus auf Vorbeugung/Vorsorge

Begrenztheit des aktiven Selbst

Nach der Ego-depletion-Hypothese wird davon ausgegangen, dass eine Selbstkontrolle durch die Volition (Willenskraft) erfolgt. Dabei steht nur eine begrenzte Menge an Ressource für den Einsatz von Willenskraft zur Verfügung. Sind die Ressourcen aufgebraucht, so kann keine weitere Willenskraft aufgebracht werden.

Beispielstudie

In einer Studie über die Langeweile-Toleranz wurde den Probanden ein langweiliges Video gezeigt (Video einer Wand). In der einen Bedingung sollten sie einen Knopf drücken, sobald sie keine Lust mehr haben (aktiv), in der anderen Bedingung sollten sie dauerhaft den Knopf drücken und den Knopf loslassen, wenn sie keine Lust mehr hatten (passiv).

Zuvor wurde ein Text gegeben, in dem entweder einfach nur alle „e“s markiert werden sollten (ohne ego-depletion) oder alle „e“s unter bestimmten komplizierten Bedingungen (ego-depletion) markiert werden sollten.

In der Bedingung ohne ego-depletion wurde je (aktiv/passiv) nach ca. 80-100sek abgebrochen (passiv etwas später). In der Bedingung mit ego-depletion war der Abbruch unter der aktiven Bedingung sehr spät (ca. 130sek). Unter der passiven Bedingung sehr früh (ca. 70sek).

⇒ Willenskraft-Ressource wurde durch die komplizierte Aufgabe bereits aufgebraucht. Das führte zu einer späten Reaktion in der aktiv-Bedingung und einem frühen loslassen (vermeiden der Aktivität) in der passiven-Bedingung.

Selbstmotive / Selbstwert

Eigenschaften psychologischer Grundmotive

  • Effekte in allen Situationen
  • Affektive Konsequenzen
  • Direkte kognitive Verarbeitung
  • Krankheitseffekte bei Deprivation
  • Auslöser für Zielorientiertes Verhalten
  • Universell
  • Keine anderen Bedürfnisse als Ursache
  • Beeinflussung vieler Verhaltensweisen
  • Unabhängig von unmittelbarem Handeln

Core Motives Approach

Im Core Motives Approach wurden verschiedene zentrale Grundmotive vorgeschlagen:

  • Understanding → Verstehen
  • Controlling → Kontrolle
  • Enhancing self → Selbstverbesserung
  • Belonging → Zugehörigkeit
  • Trusting → Vertrauen

Motivationale Selbsttheorien

  • Selbsteinschätzung → Einschätzung durch eigene Person (Theorie der sozialen Vergleiche)
  • Selbstverifikation → Selbstbestätigung (Self-Verification Theory)
  • Selbsterhöhung → Positive Selbstsicht (Self-Affirmation)

Self-Affirmation Theory

In der Self-Affirmation Theory wird von einem Streben nach einem positivem Selbstbild ausgegangen. Es liegt ein Prozess der Selbstbestätigung vor.

Beispielstudie

In einer Studie wurden Bewohner einer Stadt mit einem hohen Anteil von Bewohnern mit hohem Gemeinschaftssinn zwei mal angerufen. Beim ersten mal wurde ihr Selbst bedroht (siehe unten). 3 Tage später wurden sie gebeten für ein Gemeinschaftsprojekt alle Küchengegenstände aufzulisten (Hilfeleistung für die Gemeinschaft). Abhängig von dem ersten Telefonat änderte sich die Bereitschaft:

  • „Ihr Kooperiert wenig“ → Hohes Einverständnis
  • „Ihr kooperiert viel“ → Mittleres Einverständnis
  • „Ihr seid gefährliche Fahrer“ → Hohes Einverständnis
  • Kontrollgruppe → Mittleres Einverständnis

⇒ Es wurde versucht das Selbstbild wieder herzustellen.

Ursachen des Selbstwertes

  • Sociometer Theory → Selbstwert wird aus Zugehörigkeitsgefühl abgeleitet, Resultiert aus der Reaktion anderer auf das Selbst (Maß für sozialen Einschluss)
  • Terror Management Theory → Selbstwert resultiert aus der Abwehr von existentiellen Ängsten

Das Ende des Selbst

Die Terror-Management-Theorie geht davon aus, dass eine Angst vor dem Tod (terror) reduziert werden kann durch (1) kulturelle Weltsicht und (2) Selbstwert.

Zentral für diese Annahme ist das Selbsterhaltungsmotiv. Dieses Motiv ist entscheidend für (1) ethnozentrisches Verhalten und für die (2) Entstehung von Kulturen.

Einflüsse

Dabei gibt es zwei Einflüsse:

  • Selbsterhaltungsbedürfnis → Angst vor Tod
  • Kognitive Fähigkeiten → Antizipation (Erwartung) des Todes
Puffer

Aus diesen Einflüssen folgt ein Schrecken (terror). Für diese Angst stehen zwei Puffer zur Verfügung:

  • Kulturelle Weltsicht → Geteilte Weltkonzeption (Bedeutung, Ordnung, Dauerhaftigkeit)
  • Selbstwert → Lebensausrichtung gemäß der Weltkonzeption

Beispielstudie

Zunächst wurde das Thema Tod salient verfügbar oder nicht salient verfügbar gemacht (Aufzeigen der Möglichkeit des eigenen Todes). Anschließend sollten die Probanden Aufgaben lösen. Dabei gab es 2 Aufgaben. Eine der Aufgaben war (1) lösbar, eine weitere (2) nicht lösbar. Es wurde untersucht inwiefern der Versuch die Aufgabe zu lösen einen Einfluss auf die (1) Internalität, (2) Stabilität und (3) Globalität hat. Die drei Einflüsse wurden zu einem Index verrechnet.

Ergebnisse
  • Tod salient → Ähnliche Attribution für beide Aufgaben
  • Tod nicht salient → Erhöhter Index für die lösbare Aufgabe, Verringerter Index für die unlösbare Aufgabe

Kritik

Ein wichtiger Kritikpunkt ist die Konzentration auf den Überlebensinstinkt. Denkbar sind auch andere Motive die die gezeigten Verhaltensweisen beeinflussen können. Z.B.:

  • Selbstkonzept-Unsicherheit
  • Kontrolle
 
uni-leipzig/psychologie/module/sozial/8.txt · Zuletzt geändert: 2012/09/20 18:26 (Externe Bearbeitung)
 
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