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3. Soz. Wahrnehmung: Eindrucksbildung und Stereotypisierung

Soziale Eindrucksbildung

Die Eindrucksbildung (impression formation) ist ein wichtiger Prozess im sozialen Kontext. Dabei werden Verhaltensvorhersagen auf Basis weniger oder nur einer einzigen Verhaltensstichprobe getroffen.

Bei der Eindrucksbildung können Verzerrungen auftreten. In vielen Situation kann eine Täuschung negative Folgen haben.

Beispiele

  • „Liebe auf den ersten Blick“
  • Bewerbungsgespräche

Zentrale und periphere Persönlichkeitsmerkmale

Das Konfigurationsmodell zur Eindrucksbildung (Solomon Asch) erklärt wie Menschen aufgrund weniger Informationen ein schlüssiges Gesamtbild einer Person bekommen können. Er verwendete dabei den Begriff der zentralen Persönlichkeitsmerkmale. Diese sind Merkmale, welche einen überproportionalen Einfluss auf die Eindrucksbildung haben. Aus kleinen Informationselementen werden tiefergehend bedeutende Merkmale konstruiert.

Periphere Persönlichkeitsmerkmale haben im Gegensatz nur einen geringen Einfluss auf die Eindrucksbildung.

Die Frage wie ein Merkmal zentral wird, wird mit verschiedenen Ansätzen erklärt:

  • Gestalt-Theorie → Intrinsische Korrelation mit weiteren Merkmalen
  • Kontext → Auffälligste/Bedeutendste Merkmale
  • Zwei BewertungsdimensionenSozial (gut/schlecht), Intellektuell (gut/schlecht)
Experiment

In einem Experiment änderten die Begriffe warm und kalt die zentralen Persönlichkeitsmerkmale und somit die Eindrucksbildung. Die Begriffe höflich und ungehobelt hatten jedoch keinen Effekt.

Reihenfolgeneffekte

Der Primacy-Effekt und der Recency-Effekt sind Reihenfolgeneffekte der Eindrucksbildung. Generell bleiben zuerst aufgenommene und letzt aufgenommene Informationen besser in Erinnerung, als die Übrigen.

Primacy-Effekt

Beim Primacy-Effekt werden zu Beginn gezeigte Informationen überproportional repräsentiert. Der Effekt tritt vor allem bei bewusster Verarbeitung von Informationen auf.

Recency-Effekt

Beim Recency-Effekt werden zum Ende gezeigte Informationen überproportional repräsentiert. Der Effekt tritt vor allem bei eher unbewusster Verarbeitung auf (z.B. Ablenkung oder geringe Motivation).

Negativitätseffekt

Mit dem Negativitätseffekt ist gemeint, dass negative Informationen überproportional repräsentiert werden. Sie haben einen höheren Einfluss auf die Eindrucksbildung und auf die Erinnerung.

Negative Informationen sind eher ungewöhnlich und distinkt (abgrenzbar von positiven Informationen). Positive Informationen liegen als „Basis“ vor, (1) negative Informationen stechen darin hervor und weisen auf eine (2) potentielle Gefahren hin.

Quellen des Eindrucks

1. Körperliche Erscheinungen

a) Physische Attraktivität

Die Schönheit und Attraktivität einer Person ist in vielen Situation entscheidend für die Eindrucksbildung anderer Personen. So wird die Schönheit z.B. vor der Intelligenz favorisiert (Walster, 1966). Auch bei der Beurteilung von Schülern durch Lehrer sind eher Fotos entscheidende Kriterien (Clifford, 1975).

b) Körpergröße

Auch die Körpergröße kann für die Eindrucksbildung entscheidend sein. Für Männer über 1,88m Größe werden 10% höhere Anfangsgehälter gezahlt, als für solche unter 1,83m (Knapp, 1978).

2. Nonverbales Verhalten

Körperlich expressive Menschen sind grundsätzlich beliebter, als solche, die weniger expressiv auftreten.

a) Körperhaltung

Die Körperhaltung gibt z.B. einen Hinweis auf die Beziehung zwischen Personen. Eine nähere Beziehung geht z.B. einher mit einer generellen Zugewandtheit und erweiterten Pupillen.

b) Emotionsausdrücke

Emotionsausdrücke gelten weitestgehendst als universelle Sprache. So konnten in einer Studie US-Studenten Emotionsausdrücke sicher erkennen, welche von 2000 Jahre alten rituellen hinduistischen Bildern stammten.

Salienz

Eine saliente Eigenschaft eines Reizes ist im Vergleich zu anderen Reizen in der Umwelt hervorgehoben und erregt Aufmerksamkeit.

Saliente Reize sind z.B.:

  • Neuartige Reize
  • Figurale Reize → Z.B. helle „Figur“ (im weitesten Sinne) vor dunklem Hintergrund
  • Unerwartete Reize
  • Zielrelevante Reize
  • Dominante Reize → Dominant im visuellen Feld liegend

Soziale Schemata

Ein soziales Schemata ist eine Struktur, die Wissen über ein Konzept oder einen Stimulustyp und deren Eigenschaften, sowie die Verknüpfungen der Eigenschaften enthält. Schemata ermöglichen es auf Basis weniger Informationen schnelle Schlüsse über Personen, Situationen, Ereignisse oder Orte ziehen zu können.

Beispiel

Frauen sind:

  • Warm
  • Fürsorglich
  • Technisch unbewandert
  • Kommunikativ
  • etc.

→ In bestimmten Situationen können nun mit Hilfe des vorliegenden Schematas schnelle Schlüsse gezogen werden.

Informationsverarbeitung

Top-Down

Bei der Top-Down-Verarbeitung (Konzeptgeleitete Verarbeitung) werden externe Reize vor dem Hintergrund bestimmter Konzepte (gespeichertes Wissen) verarbeitet. Die Verarbeitung findet überwiegend schemagesteuert statt.

Bottom-Up

Bei der Bottom-Up-Verarbeitung (Datengeleitete Verarbeitung) werden externe Reize ohne Verwendung von bestehendem Wissen verarbeitet. Die Verarbeitung findet überwiegend reizgesteuert statt.

Funktionen

  • Organisation der Informationsverarbeitung
  • Deutung mehrdeutiger Reize (uneindeutiger Reize)
  • Steuerung von Aufmerksamkeit und Erinnerung

Typen

  • Personenschemata → Strukturierung des Wissens über Personen (Allgemein)
  • Rollenschemata bzw. Gruppenschemata → Strukturierung des Wissens über Rollen (Soziale Stereotype)
  • Ereignisschemata → Strukturierung des Wissens über Handlungssequenzen (Scripte)
  • Inhaltsfreie Schemata → Strukturierung des Wissens über allgemeine Regeln (Kausale Schemata)
  • Selbstschemata → Strukturierung des Wissens über sich selbst

Studie: Ereignisschemata

In einer Studie wurden zwei Gruppen von Probanden identische Geschichten vorgelegt, die jedoch ein unterschiedliches Ende hatten. Dabei endete die Geschichte entweder mit einem Heiratsantrag oder einer Vergewaltigung.

Anschließend wurden Aussagen gegeben (z.B. (1)Barbara trug sexy Kleidung als sie Jack sah“ oder (2)Jack möchte die Eltern von Barbara kennen lernen“) und die Probanden sollten entscheiden, ob diese Aussagen in der gegeben Geschichte erwähnt waren oder nicht. In Abhängigkeit vom Ende wurden die Details unterschiedlich stark erinnert. Im Falle der Vergewaltigung gingen die Probanden z.B. deutlich öfter davon aus, dass Aussage (1) vorkam. Im Falle des Heiratsantrages wurde Aussage (2) deutlich öfter erinnert.

Änderung von Schemata

Drei Prozesse können Schemata beeinflussen:

  • Bookkeeping → Graduelle Veränderung durch inkonsistente Informationen
  • Conversion → Schlagartige Veränderung durch inkonsistente Information
  • Subtyping → Einordnung inkonsistenter Informationen in Ausnahme-Kategorien

Soziale Kategorien

Unter sozialen Kategorien werden ähnliche Instanzen zusammengefasst. Mehrere unterscheidbare soziale Objekte werden gleich behandelt (zusammengefasst). Eigenschaften von Personen, die gut zusammen passen werden kategorisiert.

Ein Prototyp weist sozialen Kategorien (bzw. Mitglieder einer Gruppe) typische Eigenschaften zu. Der Prototyp repräsentiert die soziale Kategorie am besten.

Funktionen sozialer Kategorien

  • Komplexitätsreduktion → Vereinfachung und Ordnung
  • Zuschreibung von Bedeutung
  • Ermöglicht Kommunikation
  • Ermöglicht Beziehung zwischen Diskontinuum (z.B. Nationalität) ↔ Kontinuum (z.B. Hautfarbe)
  • Ermöglicht Differenzierung

⇒ Potential zur sozialen Diskriminierung

Effekte von Kategorisierung

Akzenturierung

Liegt eine Akzentuierung vor, so werden:

  • Gemeinsamkeiten innerhalb von Kategorien überschätzt
  • Unterschiede zwischen Kategorien überschätzt

Der Effekt kann sich verstärken bei:

  • Subjektiver Bedeutsamkeit
  • Unsicherheit über Beurteilungsdimensionen
Studie

Es wurden 8 Linien unterschiedlicher Länge angezeigt, die gleichmäßig größer wurden (von links nach rechts). Einmal wurden die Linien (1) kategorisiert (Linien 1-4 = A, Linien 5-8 = B) und einmal (2) ohne Kategorien angezeigt. Die Probanden sollten die längen der Linien schätzen.

Bei der Schätzung der Längen wurde ohne Kategorisierung ein gleichmäßiger Anstieg durch die Probanden beschrieben. Wurden die Linien jedoch kategorisiert, so wurde an der Trennung zwischen den Linien (z.B. zwischen Linie 4 und 5) ein größerer Unterschied wahrgenommen.

Determinanten des Kategoriengebrauchs

1. Passung der Kategorien

Eine Kategorie kann sich dadurch mehr oder weniger stark ergeben, dass sie strukturell oder inhaltlich in eine Situation passt (Passung). Es können zwei Passungen unterschieden werden:

  • Strukturelle Passung (comparative fit) → Kovariation mit Variablen der Situation
  • Inhaltliche Passung (normative fit) → Kovariation mit inhaltlich assoziierten Stereotype
2. Accessibility

Eine Kategorie kann sich dadurch mehr oder weniger stark ergeben, dass sie für eine Person unterschiedlich leicht abrufbar ist. Diese individuelle Zugänglichkeit wird mit Accessibility bezeichnet.

Stereotyp und Vorurteile

Der Begriff Stereotyp hat im griechischen die Bedeutung von starr, hart oder fest. Ein Stereotyp meint damit allgemein eine feste Norm oder charakteristisch Geprägtes. Sie ist in der Psychologie an einen sozialen Zusammenhang gekoppelt und damit ein Schemata, welches auf soziale Inhalte ausgerichtet ist.

Im psychologischen Kontext meint Stereotyp:

„A cognitive representation or impression of a social group that people form by associating particular characteristics and emotions with the group.“ (Smith & Mackie, 2007)

„Widely shared and simplified evaluative image of a social group and ist members.“ (Hogg & Vaughan, 2008)

Begriffe

  • Stereotyp → Sozial geteiltes Wissen über eine soziale Gruppe (bzw. deren Mitglieder)
  • StereotypisierungAnwendung von Stereotypen in Interaktion
  • VorurteilBewertung sozialer Gruppen (bzw. deren Mitglieder)
  • Soziale DiskriminierungNegatives Verhalten gegenüber sozialen Gruppen (bzw. deren Mitglieder)

Motive

Motive für Stereotype sind:

  • Effektives Handeln → Durch Zusammenfassen von Erfahrungen
  • Soziale Zugehörigkeit
  • Rechtfertigung von Ungleichheit/Ungerechtigkeit

Entstehung von Stereotypen

Es kann viele Gründe für die Entstehung von Stereotypen geben.

  • Persönliche Erfahrung → Alltagserfahrungen
  • Verzerrte Erfahrungen → z.B. Korrespondenzverzerrung (= Attributionsfehler)
  • Soziale Interaktion → Verstärkte Sterotypisierung z.B. bei Bedrohung
  • Medieneinfluss
  • Soziale Zugehörigkeit
  • Rechtfertigung sozialer Ungleichheit

Rechtfertigung sozialer Ungleichheit

Der Just World Belief (Gerechte-Welt-Glauben) korreliert mit der Ablehnung stigmatisierter Gruppen (.25). Soziale Ungleichheit wird damit rechtfertigt, dass die Personen, welche Ungleichheit erfahren damit „gerecht“ behandelt werden (aus unbekannten Gründen).

Prozess der Stereotypisierung

Zunächst findet eine (1) Kategorisierung (z.B. Frau) statt. Daraufhin werden (2) Stereotype aktiviert (z.B. kommunikativ, fürsorglich, schwach, etc.) und im letzten Schritt werden diese (3) Stereotype angewendet.

Aktivierbarkeit von Stereotypen

Studie - Sozial geteiltes Wissen

In dieser Studie wurden Vorurteile erfasst. Dabei wurde zwei Gruppen von Probanden über Vorurteile befragt. Die eine Gruppe war (1) stark Vorurteil-Behaftet, die andere Gruppe (2) schwach Vorurteil-Behaftet. Trotzdem gaben im Ergebnis beide Gruppen ähnliche starke Vorurteile an. Die Vorurteile scheinen also bei allen Menschen verfügbar zu sein.

Stereotype sind sozial geteilt

Studie - Automatische Aktivierbarkeit

Diese Studie verwendete Subliminales Priming mit 80ms Anzeigezeit (z.B. poor, afro, jazz, slavery, etc.). Die Probanden sollten anschließend angeben ob der Begriff rechts oder links auf dem Bildschirm auftaucht.

Anschließend wurde den Probanden eine Beschreibung einer Person gegeben. Sie sollten nach dem Lesen die beschriebene Person bezüglich bestimmten Eigenschaften einschätzen. Untersucht wurde der Einfluss des Priming auf die Eigenschaftsbeschreibungen der Probanden.

Im Ergebnis wurde die Eigenschaft „Feindseligkeit“ bei der geprimten Gruppe signifikant häufiger angegeben, als in der nicht-geprimten Gruppe.

Stereotype sind automatisch aktivierbar

Stereotypisierung vermeiden

Wenn von folgendem Prozess ausgegangen wird:

  1. Kategoriesierung
  2. Stereotype aktivieren
  3. Stereotype anwenden

Dann kann eine Verhinderung nach der Kategorierisierung stattfinden, indem die Stereotype (1) gar nicht erst aktiviert werden. Dies kann geschehen bei (1a) nicht-semanitischen Verarbeitungszielen oder aber bei einer (1b) generell geringen Vorurteilshaftigkeit.

Ist eine Aktivierzung jedoch aufgetreten, dann gibt es auch die noch die Möglichkeit die (2) Anwendung der Stereotype zu verhindern, indem z.B. ein Bewusstsein über die Folgen geschaffen wird. Dafrü sind jedoch (2a) hinreichend kognitive Ressourcen und eine (2b) Motivation zu nicht-stereotypen Handeln notwendig.

Bumerangeffekt

Wegener (1994) stellte fest, dass wenn versucht wird die Stereotypisierung zu unterdrücken, die Stereotypisierung damit verstärkt wird (Bumerangeffekt).

Eine Unterdrückung allgemein ungewollter Gedanken kann über zwei Wege stattfinden:

  • Intentional operating process (IOP) → Bewusste Suche nach ablenkenden Gedanken
  • Ironic monitoring process (IMP) → Automatische Suche nach Belegen für ungewollte Gedanken

⇒ Der IMP wirkt als eine Art Priming. Ungewollte Gedanken sind schnell verfügbar.

Beispielstudie Skinhead

In einer Studie wurde eine Gruppe (1) auf eine Konfrontation mit einem Skinhead vorbereitet, sie sollten die Stereotypisierung möglichst unterdrücken. Die andere Gruppe (2) wurde nicht vorbereitet.

Die Personen, welches es aktiv unterdrücken sollten (1) zeigten zunächst eine verringerte Stereotypsierungen, als die zweite unvorbereitete Gruppe (2).

Anschließend wurden die Probanden unvohergesehen mit einem zweiten Skinhead konfrontiert. Bei dieser Konfrontation waren beide Gruppe unvorbereitet. Während die Stereotypisierung nun bei der ersten Gruppe (1) stark stieg - Bumerangeffekt (rebound reffect) - , blieb sie bei der allgemein unvorbereiteten Gruppe (2) auf dem vorigen Level.

 
uni-leipzig/psychologie/module/sozial/3.txt · Zuletzt geändert: 2012/09/20 18:18 von carlo
 
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