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10. Aggressives Verhalten

Definition

Statt Aggression an sich, wird vielmehr aggressives Verhalten als das zentrale Konstrukt im menschlichen Verhalten betrachtet.

Nach Baron & Richardson

Dabei ist Aggressives Verhalten „jede Form von Verhalten, das darauf abzielt, einem anderen Lebewesen zu schaden oder es zu verletzen, das motiviert ist, diese Behandlung zu vermeiden.“ (Baron & Richardson, 1994)

⇒ Alleine die Absicht schaden zu wollen wird bereits als aggressives Verhalten bezeichnet

Nach Mummendey

Nach Mummendey (1987) ist Aggression ein normatives Konstrukt, welches mit einem (1) Schaden, einer (2) Intention und einer (3) Normverletzung einhergeht. Dabei wird davon ausgegangen, dass eine Perspektivendivergenz vorliegt. Täter und Opfer haben meist stark unterschiedliche Perspektiven auf das Geschehen. Zusammengefasste Kriterien:

  • Schaden
  • Intention
  • Normverletzung

Formen aggressiven Verhaltens

  • Instrumentelle Aggression → Eine Möglichkeit Ziele zu erreichen
  • Feindselige/Affektive Aggression → Ausdruck negativen Affekts
  • Gewalt → Einsatz körperlicher Gewalt

Messung aggressiven Verhaltens

  • Selbstbericht und Fremdbericht → Soziale Erwünschtheit
  • Experiment (Labor) → Ethische Bedenken
  • Aggressionsmaschine

Aggressionsmaschine

Beim Prinzip der „Aggressionsmaschine“ (Buss, 1961) bekommt der Proband nach einer Provokation die Möglichkeit dem Provokateur zu schaden. Legitimiert werden solche Experimente durch einen Lernversuchskontext bzw. Spielkontext. Mögliche Varianten der Schadenszufügung gegenüber dem Provokateur:

  • Verabreichung von Stromstößen
  • Unangenehme Töne
  • Scharfe Soße

Erklärungen von Aggression

Biologische Erklärung

In der biologischen Erklärung wird aggressives Verhalten als (1) evolutionär adaptiver Instinkt bzw. Trieb betrachtet, welcher über die (2) Gene vorgegeben ist.

Dazu existiert z.B. der ethnologische Ansatz (Lorenz, 1974):

  • Dampfkesselmodell → Gezielte Kompensation der Triebe
  • Katharsis → Kontrolliertes „Abführen der aggressiven Energie“ (Psychodynamisch)

Katharsis

In einem Experiment sollte nach einer Provokation geboxt werden (Gruppe 1). In einer anderen Bedingung sollte einfach nur aus Gründen der „Fitness“ geboxt werden (Gruppe 2). Eine Kontrollgruppe sollte nichts machen (Kontrollgruppe). Gemessen wurde die Ärgerausprägung.

  • Kontrollgruppe → Negativ ausgeprägte Aggression
  • Gruppe 1 → Positiv ausgeprägte Aggression
  • Gruppe 2 → Neutral ausgeprägte Aggression

⇒ Katharsis trifft nicht zu, Boxen verringert das Aggressionsniveau nicht

Kognitiv-neoassozionistisches Modell

Im kognitiv-neoassozionistischen Modell wird davon ausgegangen, dass eine Aggressionsneigung durch aversive Stimuli und deren folgenden negativen Affekten erhöht wird. Die Theorie baut auf der Frustrations-Aggressions-Hypothese auf.

(1) Aversiver Stimulus führt zu (2) negativem Affekt. Daraus folgen (3) primitive Assoziationen. Zusammengefasst:

  • Aversiver Stimulus → Frustration, Schmerz
  • Negativer Affekt
  • Primitive Assoziation

Primitive Assoziationen können durch elaboriertes Denken beeinflusst werden (z.B. Attribution, Ergebniserwartung, soziale Regeln, etc.). Zu den Assoziationen gehören:

1. Kampf
  • Aggressive Gedanken
  • Aggressive Erinnerungen
  • Aggressive physiologische und motorische Reaktionen

⇒ Ärger / Aggression

2. Flucht
  • Fluchtbezogene Gedanken
  • Fluchtbezogene Erinnerungen
  • Fluchtbezogene physiologische und motorische Reaktionen

⇒ Furcht / Flucht

Frustrations-Aggression-Hypothese

Studien kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen:

  • Frustration führt zu Aggression
  • Aggression ist eine mögliche Folge von Frustration → Verschiebung der Aggression möglich
  • Person und Umwelt als Moderator → z.B. bei aggressiven Hinweisreizen (z.B. Waffeneffekt)

Waffeneffekt

Eine Versuchsperson bekam entweder 1 oder 7 Elektroschocks und bekam danach die Möglichkeit dem Provokateur ebenfalls welche zu geben. Dabei waren im Raum entweder (1) kein Objekt, eine (2) Waffe, eine (3) Waffe des Partners oder ein (4) Badmintonset.

  • Grundsätzlich erhöhte Schockgabe bei 7 bekommenen Schocks
  • Waffe im Raum erhöht die Anzahl der gegebenen Schocks bei 7 bekommenen Schocks

Erregungsübertragung

Die Erregungsübertragung geht davon aus, dass eine physiologische Erregung aus einer neutralen Quellen den Frustrations-Aggressions-Effekt verstärkt. Bedingungen dafür sind:

  • Aggressives Reaktion gut gelernt
  • Ursprüngliche Quelle der Erregung nicht mehr bewusst
Beispiel

Beim Radfahren (neutrale Quelle) liegt ein erhöhtes Erregungsniveau (Herzschlag, Blutdruck) vor. Bei einer Provokation in dieser Situation (z.B. Auto nimmt Vorfahrt), kann es schneller zu einem aggressiven Verhalten kommen.

⇒ Durch ein erhöhtes Erregungsniveau führen Provokationen schneller zur aggressivem Verhalten

Soziales Lernen

Im Modell des sozialen Lernens wird davon ausgegangen, dass soziale Lernerfahrungen aggressives Verhalten determinieren. Dabei wird von 2 Mechanismen ausgegangen:

  • Direkte Verstärkung → Belohnung/Bestrafung auf eigenes aggressives Verhalten
  • Indirekte Verstärkung → Lernen durch Verstärkung beobachteter Aggressionen von anderen

Bobo-Doll

Eine klassische Studie zum Modellernen ist die Bobo-Doll Studie.

Dabei bekamen Kinder entweder (1) gar nichts, einen (2) Cartoon, ein (3) Modellvideo oder ein (4) Livemodell gezeigt. Alle diese Modelle übten Aggression auf die Puppe „Bobo-Doll“ aus und wurden dafür belohnt.

Mit steigender Identifikationsmöglichkeit (Bedingung 1-4) wurde das aggressive Verhalten ausgeprägter.

Sozial-Interaktionistische Theory of Coercive Action

In der Theory of Coercive Action wird Aggression als normatives Konstrukt betrachtet. Aggression wird als soziale Handlung betrachtet und nicht von Trieben oder Instinkten abgeleitet.

Aggression als soziale Handlung

Drohungshandlung
  • Einsetzen von Drohung, körperlicher Zwang
  • Kurzfristiges nachgeben der anderen Person
  • Ressourcen, Sicherheit, Dienstleistungen, etc. werden erreicht
Bestrafungshandlung
  • Einsetzen von Bestrafung
  • Kurzfristige Schädigung der anderen Person
  • Gerechtigkeit, Status, Abschreckung, etc. werden erreicht

⇒ Aggressives Verhalten durch aktives soziales Handeln (keine Triebe, Instinkte, etc.)

Perspektivendivergenz

In einer Studie zur Perspektivendivergenz wurden Schülern Videos mit aggressivem Verhalten von anderen Schülern gezeigt. Die Schüler sollten sich entweder in die eine oder in die andere Person hineinversetzen.

Das Verhalten der anderen Person (nicht hineinversetzten Person) wurde sowohl zu Beginn, als auch während folgenden Streitigkeiten als „schlechter“ eingeschätzt. Nur bei den Handgreiflichkeiten (letzte Phase des Videos) wurde das Verhalten der beiden Personen als gleich „schlecht“ eingeschätzt.

General Aggression Model

Das General Aggression Model ist ein integratives Modell. Es integriert alle vorigen Ansätze und geht von folgendem Ablauf ab:

Einfluss von (1a) Person und (1b) Situation auf (2a) Kognition, (2b) Affekt, (2c) Erregung. Daraus folgt in folgender Reihenfolge:

  • Automatische Bewertung → Interpretation (z.B. Bedrohung)
  • Kontrollierte Neubewertung → z.B. Rache angebracht
  • Verhalten → z.B. Beschimpfung
  • Reaktion der Zielperson → Erneut Einfluss auf Person/Situation

Öffentliche Diskussion und Wissenschaft

Aggressives Verhalten ist unerwartet und wird als negativ betrachtet. Offen sind bisher Attributionsprozesse.

Ein Beispiel für aggressives Verhalten in der öffentlichen Diskussion ist z.B. schulische Gewalt oder der Einfluss von gewalthaltigen Videospielen auf aggressives Verhalten.

Gewalthaltige Videospiele

  • Erhöhte Aggressivität führt zu erhöhtem Spielkonsum
  • Allgemein sehr geringe Zusammenhänge

In einer Meta-Analyse ergab sich bezüglich dem Zusammenhang zwischen gewalthaltigen Videospielen und aggressivem Verhalten ein ähnlich hoher Zusammenhang wie zwischen gewalthaltigen Videospielen und prosozialem Verhalten.

⇒ Alle zusammenhänge relativ gering

Zusammenfassung

  • Fokus auf aggressivem Verhalten (da im Gegensatz zu Aggression messbar)
  • General Aggression Model vereint unterschiedliche Ansätze
  • Hohe gesellschaftliche Bedeutung der Aggressionsforschung
 
uni-leipzig/psychologie/module/sozial/10.txt · Zuletzt geändert: 2012/07/10 21:22 (Externe Bearbeitung)
 
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