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2. Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Die Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie versuchen Persönlichkeit zu beschreiben, zu erklären und vorherzusagen. Der Begriff der Paradigmen wird verwendet, da eine Theorie bestimmte Kriterien erfüllen muss, welches die Modelle nicht immer sauber gewährleisten. Trotzdem aber haben sie sich bewährt und haben eine wichtige Bedeutung für die Persönlichkeitspsychologie.

Ein Wissenschaftsparadigma ist ein in sich einigermaßen kohärentes, von vielen Wissenschaftlern geteiltes Bündel aus theoretischen Leitsätzen, Fragestellungen und Methoden, das längere historische Perioden in der Entwicklung einer Wissenschaft überdauert.
(Kuhn, 1967)

2.1. Eigenschaftsparadigma

Persönlichkeitskonzept

Im Eigenschaftsparadigma wird die Individualität einer Person durch Betrachtung unterschiedlicher Eigenschaften erfasst.
(Asendorpf, 2009)

Die Eigenschaften werden Synonym als Persönlichkeitseigenschaft, Persönlichkeitsmerkmal, Persönlichkeitsdisposition oder trait bezeichnet. Sie haben folgende Eigenschaften:

  • Interindividuell Unterschiedlich
  • Zeitlich stabil
  • Verhaltensrelevant
  • Nichtpathologisch
  • Populationsabhängig

Disziplinen

Die vier grundsätzlichen Disziplinen gehen auf William Stern zurück.

Variationsfoschung

Ein Merkmal wird an vielen verschiedenen Individuen untersucht. Ziel ist es die Variation eines bestimmten Merkmals in der Population zu untersuchen. Als Ergebnis erhält man z.B. eine Verteilung ähnlich einer Glockenkurve.

Korrelationsforschung

Mehrere Merkmale werden an vielen verschieden Individuen untersucht. Ziel ist es die Abhängigkeit von mehreren bestimmten Merkmalen von einander innerhalb einer Population zu untersuchen. Als Ergebnis erhält man z.B. zwei parallel verlaufende Geraden (Eigenschaften). Steigt die eine Eigenschaft, dann steigt die andere proportional mit an.

Psychographie

Viele Merkmale werden an einem Individuum untersucht. Ziel ist es ein Persönlichkeitsprofil des Individuums zu erhalten.

Komparationsforschung

Viele Merkmale werden an mehreren Individuen untersucht. Ziel ist es die Eigenschaftsprofile mehrerer Individuen zu vergleichen und damit einen Schluss über die Ähnlichkeit der Personen ziehen zu können.

Die zeitliche Dimension

Neben den zwei Dimensionen „Merkmal“ und „Person“ brachte Raymond Cattell 1946 noch eine dritte Ebene zeitliche Ebene ins Spiel (→ Cattell Würfel). Diese zeitliche Ebene war vor allem für die dringend benötigte zeitliche Stabilität der Eigenschaften von Bedeutung. Zu zwei oder mehreren verschiedenen Messzeitpunkten sollte die selbe Persönlichkeitseigenschaft in etwas gleiche Ergebnisse liefern, da man sonst nicht von einer Persönlichkeitseigenschaft sprechen kann. Er trennte die zeitlich Stabilen Eigenschaften „traits“ von den nicht-stabilen Zuständen „states“.

Transsituative Konsistenz

Neben der zeitlichen Stabilität ist vor allem auch die transsituative Stabilität von Bedeutung. Die Eigenschaften müssen nicht nur über einen langen Zeitraum stabil bleiben, auch müssen sie über verschiedene Situationen hinweg stabil bleiben. Um von einer generellen Ängstlichkeit einer Person zu sprechen, muss diese generell vor Hunden, Schlagen, Höhen, fremden Menschen, Nacht, Prüfungen, etc. (also in allen denkbaren Situationen) eine erhöhte Angst aufweisen.

Problem

Die Persönlichkeitspsychologie schien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Wissenschaft verbannt zu werden, da in dieser Zeit viele Studien nachwiesen, dass transsituative Konsistenz nicht mehr als zufällig gegeben ist. Die Auswirkung der Situation schien deutlich im Mittelpunkt zu stehen, während der Einfluss der Person verschwindend gering schien. Auch der Nachweis des fundamentalen Attributionsfehlers unterstricht diese Annahmen.

Lösung

Es gab für diese Problematik jedoch einige Lösungsansätze.

  • Stabile Situationsprofile: Das Verhalten wird in möglichst identischen Situationen wiederholt getestet
  • Mittelung: Das Verhalten wird in verschiedenen Situationen gemessen und anschließend gemittelt

Daraus folgt, dass für situationsspezifischen Verhaltensweisen auch situationsspezifische Eigenschaften zur Beschreibung benötigt werden. Situationsunspezifische Verhaltensweisen können jedoch mit allgemeinen Persönlichkeitseigenschaften beschrieben werden.

Die Eigenschaften lassen sich in ein hierarchisches Modell fassen. Jede Persönlichkeitseigenschaft unterteilt sich in eine Menge bestimmter situationsabhängigen Persönlichkeitseigenschaften.

2.2. Psychoanalytisches Paradigma

Das Psychoanalytische Paradigma stützt auf die Ideen der Psychodynamik von Sigmund Freud. Sie ist grundsätzlich eine umfassende Theorie über das menschliche Seelenleben, die sich später in viele Richtungen weiterentwickelte und änderte (u.a. Adler, Jung, Fromm, Erikson, Kohut, Klein).

Psychodynamik

In der Psychodynamik wird der Mensch als Verarbeiter von Energie gesehen. Die Energie kommt vor allem von den Trieben, welche körperliche Spannungszustände darstellen. Die zwei Haupttriebe sind Eros (Sexualtrieb) und Thanatos (Todestrieb). Die zugeordneten Energien sind entsprechend Libido und Destrudo. Diese Triebe wollen befriedigt („entladen“) werden. Später sollte die Energie, die hier als Ausgangspunkt steht, einmal gemessen werden können (was nicht eintrat).

Modelle

Struktur und Topographie

Strukturmodell

Aus Sicht der Psychodynamik gibt es drei handelnde Instanzen, die sich gegenseitig beeinflussen (verstärken oder hemmen).

  • Es - Sitz der Triebe von Geburt an (Lustprinzip)
  • Ich - Kontakt zur Außenwelt (Realitätsprinzip)
  • Über-Ich - Normen, Gebote und Verbote (Moralitätsprinzip)

Topographisches Modell

Außerdem gibt es drei Ebenen:

  • Bewusst
  • Vorbewusst
  • Unbewusst

Entwicklungsmodell

Laut dem Entwicklungsmodell durchläuft jedes Kind psychosexuelle Phasen, welche durch eine jeweilige Körperzone (erogene Zone) gekennzeichnet ist.

  • Orale Phase: Entwöhnung des Aufnehmens von Gegenständen (1. Jahr)
  • Anale Phase: Hygieneerziehung (2.-3. Jahr)
  • Phallisches Phase: Identifikation mit gleichgeschlechtlichem Elternteil → Über-Ich (3.-5. Jahr)
  • Latenzphase (5. Jahr - Pubertät)
  • Genitale Phase (Pubertät)

Angstverarbeitung

Angst entsteht im psychodynamischen Modell, wenn das Ich mit der Menge der Informationen nicht umgehen kann und eine Überforderung eintritt. Diese kann durch konkrete Probleme in der Umwelt (→ Ich), durch Triebimpulse (→ Es) oder durch Moralansprüche (→ Über-Ich) entstehen. Ängste werden mit bestimmten Mechanismen bekämpft:

  • Verschiebung von dem auslösenden Triebobjekt auf ein Anderes (z.B. Wut auf Vater → Wut auf Bruder)
  • Sublimierung: Verhaltensweisen werden an erlaubten Stellen frei gelassen (z.B. Boxen)
  • Reaktionsbildung: Verbotene Verhaltensweisen, werden Gegenteilig behandelt
  • Projektion: Eigener Triebwunsch wird anderen unterstellt
  • Regression: Rückzug auf frühere Entwicklungsstufe (z.B. Essen statt Sex)
  • Rationalisierung: Verbotenes Verhalten wir rational erklärt
  • Verleugnung der Konsequenzen
  • Verdrängung bewusster Vorgänge ins Unbewusste

Persönlichkeitskonzept

Im psychodynamischen Modell können nun einige Dinge variieren, welche schließlich eine Persönlichkeit ausmachen können. Dazu zählen:

Differentielle Stärke der Instanzen

Die Unterschiede in den Instanzen sind nur schwer operationalisierbar. Die Triebstärke des Es, die allgemeine Ich-Funktion und die Über-Ich Ansprüche lassen sich quasi nicht quantifizieren.

Differentielle Fixierung

Unter differentieller Fixierung wird die Fixierung einer bestimmten Entwicklungsphase verstanden. Hier geht es um die Annahme, dass vor allem frühkindliche Erfahrungen für den Charakter von Bedeutung sind. Auch hier ist es schwer „Fixierung“ zu operationalisieren. Möglich wird es nur durch eine Beschreibung der Psychodynamik, wie sich die jeweilig fixierten Individuen verhalten.

Oral-einnehmend, oral-aggressiv, anal-expulsiv, anal-retentiv und phallisch sind jeweils Persönlichkeitseigenschaften zugeordnet. Diese lassen sich prüfen.

Differentielle Angstabwehr

Bei der differentiellen Angstabwehr, werden bestimmte Angstabwehrmechanismen bevorzugt, was dann zu einem Persönlichkeitsmerkmal führt. Problematisch ist hierbei die offene Frage, wie Angstabwehrmechanismen entstehen.

Beurteilung

Methodik

Bei der Psychoanalyse wird der Proband in entspannter Lage gebeten frei über alles zur reden (z.B. Kindheit, Träume, etc.), während der Therapeut die Aussagen unter Kenntnis der Psychodynamik deutet. Ein Therapieerfolg setzt dann ein, wenn beide Einsicht in die unbewussten Motive gewonnen haben (emotional und rational). Jeder Therapieerfolg wird gleichzeitig auch als Erfolg für die Psychoanalyse gesehen.

Empirische Prüfung

Es kann hier jedoch zu einer sehr wahrscheinlichen Spontanremission kommen. Außerdem tritt der Therapeut als Autorität auf und es kann zu Suggestion (selbsterfüllende Prohezeiungen) kommen. Die Theorie ist weitestgehend Immun gegen empirischen Daten, da Ursache und Wirkung nur schwer zu trennen sind. Ein weiterer Punkt ist, dass es zu Verzerrungen der Erinnerung kommen kann, da sich Erwachsene längst nicht an alles korrekt erinnern, was sie in der Kindheit erlebt haben. Außerdem bezieht sich die Psychoanalyse nur auf neurotische Patienten und konflikthafte Motive sind überrepräsentiert. Trotz aller Schwierigkeiten der Operationalisierung fallen die machbaren empirischen Überprüfungen negativ aus.

⇒ Methodik inakzeptabel für empirische Persönlichkeitspsychologie

Bedeutung heute

Trotzdem aber sind einige Ansätze noch heute von enormer Bedeutung:

  • Konzept des Unbewussten
  • Frühe Objekbeziehungen (Bindung)
  • Angst und Angstabwehr (Stress)

2.3. Behavioristisches Paradigma

Die bekanntesten Vertreter des Behaviorismus sind John B. Watson, Iwan Pawlow und Burrhus Skinner. Sie konzentrierten sich auf das beobachtbare Verhalten und kritisierten die Introspektionsmethode (wie z.B. der Psychodynamik). Die inneren Prozesse nicht beachtet, da man keinen Sinn darin sah diese undefinierbaren Prozesse wissenschaftlich zu betrachten. Das Innere wurde als Black Box bezeichnet. Der Behaviorismus formulierte drei Lernmechanismen:

  • Klassische Konditionierung (Löschung, Reizdiskriminierung, Gegenkonditionierung)
  • Operante Konditionierung (Positive/negative Verstärkung/Bestrafung)
  • Nachahmungslernen (bzw. Lernen am Modell, stellvertretende Verstärkung/Bestrafung)

Persönlichkeitskonzept

Der Behaviorismus ging davon aus, dass der Mensch ohne vorige Einflüsse (v.a. ohne genetische Einflüsse) auf die Welt kommt und anschließend mit Erfahrungen beschrieben wird (tabula rasa). Alle Verhaltensweisen in jeglicher Situation sind also im Laufe des Lebens erlernt.

Die Persönlichkeit ist somit die Menge aller durch Lerngesetze erlernter Verhaltensdispositionen. Jegliche Unterschiede sind also auf eine individuelle Lerngeschichte zurückzuführen. Im Umkehrschluss kann man also die Persönlichkeit eines Kindes vorhersagen, so lange man die Umwelt bzw. die Reize, welche auf das Kind wirken, genau kennt. Es können also bestimmte Persönlichkeiten „geschaffen“ werden, wenn man ein entsprechendes Reizumfeld schafft.

Beurteilung

Im Tier- und Humanexperiment ist der Ansatz von Belohnung und Bestrafung zunächst erfolgreich. Gleichzeitig ist aber davon auszugehen, dass Persönlichkeitseigenschaften nicht allein durch Lernen entstehen. So gibt es vor allem klare Hinweise auf einen deutlichen erblichen Faktor für die Persönlichkeit. Zwei unten erwähnte Punkte spielen dabei eine sehr wichtige Rolle:

  • Vererbung von Perönlichkeit
  • Spezifische Prädisposition für bestimmte Lerninhalte

Neugeborene

Vor allem bei Neugeborenen finden sich deutliche Unterschiede im Temperament (Motorik, Stimmung, Schlaf-Rhythmus, etc.). Einzig bleibendes Argument der Behavioristen ist die pränatale Phase, in der immerhin 9 Monate Lernpotential liegen. Gleichzeitig ist diese Begründung jedoch sehr dünn.

Artspezifische Prädispositionen

Manche Verhaltensweisen lassen sich außerdem schneller lernen als andere. So entwickeln Affen z.B. schneller und einfacher eine Angst vor Schlangen, als vor Hasen. Obwohl die gesamte Lebensgeschichte des Affen unter kontrollieren Bedingungen stattfand uns sichergestellt ist, dass er weder Kontakt zu einem Hase noch zu einer Schlange hatte.

Lerndisposition

Auch unterscheiden sich Lebewesen deutlich, wenn sie eine Prädisposition für das Lernen an sich haben. Wer also schneller oder langsamer lernt als andere kann trotz gleicher Reizgegebenheiten eine andere Persönlichkeit entwickeln.

Aktive Rolle

Jedes Individuum wird nicht nur durch die Reize der Umwelt geprägt, es erzeugt auch eigene Reize, welche letztlich auch wieder auf das Individuum rückwirken können. Dieser komplexe Prozess bleibt unbeachtet.

Planvolles Verhalten

Auch planvolles Verhalten, welches über die in der Situation vorhandenen Reize hinausgeht kann mit dem Behavioristischen Modell alleine nicht erklärt werden. Aber auch im planvollen Verhalten steckt ein Teil der Persönlichkeit.

Bedeutung heute

Trotz der vielen Kritikpunkt bleibt auch vom Behaviorismus einiges für die heutige Forschung übrig.

  • Operationalisierbarkeit und Prüfbarkeit
  • Identifikation von wichtigen Lernmechanismen
  • Grundlage wichtiger Interventionsmaßnahmen

2.4. Informationsverarbeitungsparadigma

Im Informationsverarbeitungsparadigma wird der Mensch zunächst als informationsverarbeitendes System betrachtet, deren Prozesse nur teilweise bewusstseinsfähig sind und auf dem Nervensystem basieren. Es geht also darum die Prozesse innerhalb der „Black Box“ zu verstehen. Grundsätzlich lässt sich dieses Paradigma analog zum Computer betrachten.

Persönlichkeitskonzept

Buch!

Die Persönlichkeit kann sich aufgrund von Unterschieden in drei Bereichen ausbilden:

Architektur des Systems

Die Architektur meint den Aufbau der Informationsverarbeitung. Ein Beispiel liefert das Zweiprozessmodell. Das impulsive System läuft über einen assoziativen Speicher, während das reflektive System zunächst einen Denk und Entscheidungsprozess durchläuft.

Parameter der Prozesse

Mit den Parametern informationsverarbeitender Prozesse sind vor allem drei Bereich von Bedeutung:

  • Geschwindigkeit der Reaktionsverarbeitung
  • Kapazität des Arbeitsgedächtnisses
  • Wahrnehmungsschwellen

Wissensstrukturen

Die Wissenstrukturen bestehen aus dem Wissen über die eigene Person (Selbstkonzept), beinhalten Problem- und Bewältigungsstile, sowie assoziative Strukturen.

Affektives Priming

Affektives Priming ist ein Beispiel für die Messung von Persönlichkeitseinstellungen mittels des Wissens über das Informationsverarbeitungsparadigma.

Funktionsweise

Anfang wird ein Reiz präsentiert (→ Prime). Dieser kann z.B. ein Bild von bestimmten Personen sein. Nach eine Blank-Screen folgt ein Adjektiv. Je nach Reaktionszeit kann nun auf den Prime geschlossen werden. Der Priming-Effekt berechnet sich wie folgt:

tex:PE = M(RT_{negativ}) - M(RT_{positiv})

  • tex:PE = Priming-Effekt
  • tex:RT = Reaktionszeit für die Erkennung der negativen/positiven Adjektive
  • tex:M → Mittelung aller Versuchsdurchgänge (positiv/negativ getrennt)

⇒ Erhält man nun einen positiven Wert, so kann davon ausgehen, dass der zu bewertende Prime vom Probanden positiv beurteilt wurde.

Der Priming-Effekt kann außerdem zwischen zwei Primes stattfinden:

tex:PE = PE1 - PE2

  • tex:PE = Priming-Effekt
  • tex:PE1 = Priming-Effekt des ersten Primes
  • tex:PE2 = Priming-Effekt des zweiten Primes

⇒ Hat tex:PE nun einen positiven Wert, so kann man davon ausgehen, dass der erste Prime einen positiveren Eindruck gemacht hat.

Beurteilung

Das Informationsverarbeitungsparadigma erweitert das Eigenschaftsparadigma um die Messung von Einstellungen jenseits des Selbsberichtes. Man kann mit Hilfe der Methoden des Informationsverarbeitungsparadigmas also weitere Werte messen, welche insgesamt (zusammen mit den Methoden des Eigenschaftsparadigmas) ein objektiveres Bild ergibt. Beide Paradigmen passen also gut zusammen.

Problematisch ist jedoch die zeitliche Stabilität. Bei den Messmethoden des Informationsverarbeitungsparadigmas kann diese unter Umständen nur mangelhaft gegeben sein.

2.5. Biopsychologisches Paradigma

Das biopsychologische Paradigma versucht Persönlichkeitsunterschiede auf der Ebene des Nervensystems oder anderer biologischer Systeme (Kardiovaskuläres System, hormonelles System, Immunsystem) zu erfassen.

  • Informationsverarbeitung: Zentrales Nervensystem
  • Lokalisierbarkeit psychischer Prozesses im Gehirn
  • Wechselwirkung verschiedener Systeme (z.B. ZNS → Hormone)

Neurowissenschaftliche Prozesse bilden die Grundlage für die Erklärung von Erleben und Verhalten. In welcher Beziehung die psychische und die biologische Ebene stehen ist nicht eindeutig. Eine Rahmen bilden der Biologismus (Biologisches bedingt Psychisches) und der Psychologismus (Psychisches bedingt Biologisches), während der Interaktionismus (Wechselwirkung von Psyche und Biologie) die Mitte bildet.

Persönlichkeitskonzept

Verschiedene Aspekte können aus Sicht des Biopsychologischen Paradigmas die Persönlichkeit bedingen.

  • Aufbau der biologischen Systeme (auf Organebene)
  • Anatomische Feinstruktur (auf Zellebene, z.B. Vernetzungsgrad von Neuronen)
  • Aktivität der biologischen Systeme (z.B. im ZNS, Hormon-, Immunsystem)

Messmethoden

  • Zur Untersuchung des zentralen Nervensystems eigenen sich EEG (Elektroenzephalogramm) und fMRT (funktionelle Magnet-Resonanz-Tomographie).
  • Für die Periphere-Physiologie eignet sich die Messung des Blutdrucks, Herzrate, Hautleitwiderstand, etc.
  • Zur Messung der Immunabwehr können u.a. die Anzahl der Killerzellen ermittelt werden.
  • Außerdem lassen sich biochemische Substanzen ermitteln, wie Neurotransmitter oder Hormone.
  • Korrelation: Vergleich von Psyche mit biologischen Eigenschaften (Keine Kausalität!)

Reaktionsinkohärenz

Unter der Reaktionskohärenz wird (ähnlich der transsituativen Konsistenz) die gleich bleibende Reaktion auf einen Reiz bei unterschiedlichen Probanden verstanden. Wenn also alle Menschen auf eine bestimmte Situation mit physiologisch gleich reagieren, dann ist Reaktionskohärenz gegeben. Ist dies nicht der Fall spricht man von Reaktionsinkohärenz, die Menschen reagieren dann auf gleiche Situationen mit physiologisch unterschiedlich.

Lösung

Die Lösung ist das mehrmalige Testen einer Person in exakt der gleichen Situation. Über mehrere Situationen hinweg können die Werte gemittelt werden.

Beurteilung

  • Die Bedeutung der biologischen Psychologie für die Persönlichkeitspsychologie ist zurzeit mäßig. Zumindest in Anbetracht der anderen hochwertigen Ergebnisse der biologischen Psychologie.
  • Die Stichproben sind oft zu klein um präzise Aussagen über Persönlichkeit machen zu können.
  • Die Persönlichkeit wird u.U. auf neuronale Prozesse reduziert.
  • Die biologische Psychologie ist hierarchisch aufgebaut.

⇒ Das Biopsychologische Paradigma ist ein wichtiger Baustein der Persönlichkeit, es ist aber wichtig auch andere Perspektiven auf die Persönlichkeit in Betracht zu ziehen.

2.6. Genetisches Paradigma

2.6.1. Verhaltensgenetisches Paradigma

Im Verhaltensgenetischen Paradigma geht es um die Quantifizierung des genetischen Einflusses. Wie groß also der genetische und wie groß der Umwelteinfluss ist.

Als Methode werden hierbei primär Zwillings- (eineiig / zweieiig) und Adoptionsstudien durchgeführt.

Persönlichkeitskonzept

Die Persönlichkeit ist in diesem Paradigma abhängig sowohl von den Genen, als auch von der Umwelt. Die jeweiligen Einflüsse können korrelieren:

  • Aktive Genom-Umwelt-Korrelation: Person sucht sich passende Umwelt (Gene könne sich „ausleben“)
  • Reaktive Genom-Umwelt-Korrelation: Umwelt sucht passende Personen (z.B. Talent wird erkannt)
  • Passive Genom-Umwelt-Korrelation: Umwelt passt sich automatisch an (z.B. Eltern schaffen passende Umwelt, weil deren Gene ähnlich sind)

2.6.2. Molekulargenetisches Paradigma

Im Molekulargenetischen Paradigma werden nicht die Einflüsse der Gene untersucht, sondern mehr die einzelnen Gene und deren Ausprägungen an sich.

Da die genetischen Einflüsse sehr Komplex sind, versucht man über QTL (Quantitative Trait Locus), also ganze Abschnitte auf einem Chromosom, auf Persönlichkeitseigenschaften zu schließen. Da diesbezügliche Studien jedoch oft noch sehr vage und oft mit kleinen Stichprobenzahlen sind, ist die Aussagekraft noch recht gering.

Persönlichkeitskonzept

Einzelne Allele prägen aus molekulargenetischer Sicht die Persönlichkeit. Vor allem unter der Perspektive der Genom-Umwelt-Interaktion wird ein Persönlichkeitskonzept deutlich. So reagieren Menschen mit verschiedenen Genausprägungen auf gleiche Situationen unterschiedlich. Die Gene scheinen das Verhalten in bestimmten Situationen also zu beeinflussen.

Dunedin-Längsschnitt (Caspi et al., 2002)

In dieser Studie von Capi wurde die Genom-Umwelt-Interaktion nachgewisen. Untersucht wurden Erwachwsene, welche eine sexuelle Misshandlung im Kindesalter hatte. War die Aktivität des MAOA-Gens niedrig, so waren sie im Schnitt aggressiver als jeden, deren MAOA-Gen eine hohe Aktivität hatte, obwohl sie alle eine ähnliche Situation erlebten.

2.7. Evolutionspsychologisches Paradigma

Das Evolutionspsychologische Paradigma basiert auf dem Prozess der Entstehung der Arten, welcher schon seit vielen Millionen Jahren andauert. Die heutige Erscheinung und das heutige Verhalten ist somit das Anpassungsresultat der Vergangenheit.

Variation und Selektion

Zunächst entsteht eine Variation der Gene durch Mutation und sexuelle Rekombination. Die neuen Genvariationen müssen sich nun in der Welt beweisen und werden naürlich selektiert. Nur diejenigen, die sich unter dem Druck der Konkurrenz durchsetzen können überleben und können ihre Gene wiederum weitergeben.

Fitness

Die Anwendbarkeit der Gene auf die aktuell herrschenden Umweltbedingungen wird als Fitness bezeichnet. Je höher also die Fitness, desto besser ist die Chance der Reproduktion („Reproduction of the fittest“). Für Fitness sind neben den nicht-sozialen Faktoren (wie Konstitution), ebenso (und bei Menschen vor allem) soziale Faktoren von Bedeutung. Dazu zählen intersexuelle (Rivalen) und intrasexuelle (Parnterpräferenz) Selektion.

Indirekte Fitness

Die Fitness der eigenen Gene kann sowohl direkt an die eignen Nachkommen weitergegeben werden (direkte Fitness), als auch indirekt über die Nachkommen der Nachkommen bzw. allgemein bei Verwandten (indirekte Fintess).

Es ist also aus genetischer (bzw. evolutionärer) Sicht sinnvoll sich um Verwandte zu kümmern. Dabei gilt zunächst: Je näher der Verwandtheitsgrad, desto mehr Energie wird investiert (ultimative Erklärung).

Um jedoch die Nähe zu Freunden und vor allem in Beziehungen zu erklären kommt die Komponente der emotionalen Nähe ins Spiel (Neyer & Lang, 2003). Bei dieser proximaten Erklärungen sind Verwandtschaft und emotionale Nähe im Wechselspiel. Beide Komponenten lassen eine Investition zu.

Evolvierter psychologischer Mechanismus (EPM)

EPMs sind Mechanismen, welche psychisches Verhalten und Erleben auf evolutionärer Basis erklärt bzw. Verhaltensmechanismen aufzeigt, welche sich im Laufe der Evolution gebildet haben. Ein Beispiel ist die Fürsorge abhängig von der Vaterunsicherheit.

Persönlichkeitskonzept

Aus evolutionärer Sicht ist das Persönlichkeitskonzept nur schwer zu erklären, da sich die evolutionäre Perspektive eher auf langfristige Entwicklungen ganzer Populationen bezieht. Die beiden bedeutenden Modelle zur Erklärung der Persönlichkeit sind die frequenzabhängige Selektion und die konditionale Entwicklungsstrategie.

Frequenzabhängige Selektion

Die Frequenzabhängige Selektion meint, dass die Fitness von der Häufigkeit des vorkommenden Gens abhängt. Die positiv-frequenzabhängige Selektion bedeutet, dass die Fitness hoch ist, wenn eine Genausprägung oft in einer Population vorkommt. negativ-frequenzabhängige Selektion bedeutet, dass die Fitness hoch ist, wenn eine Genausprägung selten in einer Population vorkommt.

Bei Menschen hat z.B. ein Geschlecht so lange eine bessere Fitness, wie es in der Minderzahl ist. Erst beim Verhältnis 1:1 ist die Fitness der Geschlechter gleich groß.

Konditionale Entwicklungsstrategien

Die konditionalen Entwicklungsstrategien meinen, dass die Fitness von arttypischen Umweltbedingungen abhängig ist. Es gibt also für verschiedene extreme Umweltmodelle bestimmte genetische Reaktionen. Hieraus können trotz eines ähnlichen genetischen Ursprungs verschiedene Persönlichkeiten abgeleitet werden.

Beurteilung

Das Evolutionspsychologische Paradigma ist eine relativ neue Perspektive auf die Persönlichkeit (als Geschichte unserer Art), welche neue Fragestellungen aufwirft. Während bisher relativ gute Ergebnisse erzielt wurden, hat sich das Paradigma trotzdem noch nicht empirisch bewährt.

Besondere Relevanz adaptiver Probleme:
Überleben, Partnerwahl, Elternschaft, Verwandte, Kooperation, Aggression, Rivalität, Dominanz

Risiken und Probleme

  • Gefahr von Scheinerklärung (vor allem im Nachhinein)
  • Wenig Beitrag zu Persönlichkeitsmerkmalen, welche nicht oder nur wenig adaptiv sind
  • Vernachlässigung bereichsunabhängiger Mechanismen

2.8. Dynamisch-interaktionales Paradigma

Modelle der Persönlichkeitsentwicklung

Zur Entwicklung der Persönlichkeit gibt es verschiedene Modelle:

  • Das Modell der Umweltdetermination („environmentalism“) geht von einem absoluten und entscheidenden Einfluss der Umwelt aus. Ein Beispiel hierfür ist der Behaviorismus.
  • Das Entfaltungsmodell ist quasi die Gegenposition zur Umweltdetermination. In diesem Modell wird von einer genetischen Disposition ausgegangen, während Umwelteinflüsse die Persönlichkeitsentwicklung nur zeitlich begrenzt beeinflussen.
  • Ein weiteres Modell bildet quasi die Mitte, bzw. geht von einer Interaktion aus. Dabei handelt es sich um das Dynamisch-interaktionale Modell (bzw. transaktionales Persönlichkeitsmodell).

Persönlichkeitskonzept

Die zentrale Annahme ist eine Wechselwirkung zwischen Umwelt und Person. Zur Erfassung müssen zu zwei verschiedenen Zweitpunkten sowohl die Persönlichkeit, als auch die Umweltfaktoren getestet werden (→ Längsschnitt). Der Zeitabstand zwischen den Messungen muss mindestens mittelfristig sein (per Definition).

Beispiel Interaktion

Beurteilung

  • Das Dynamisch-interaktionale Persönlichkeitsmodell ist das Umfassendste
  • Die einfacheren Modelle (Umweltdetermination, Entfaltung) sind Spezialfälle dieses Modells
  • Bisher gute empirische Bestätigung
  • Forschungsleitende Funktion
 
uni-leipzig/psychologie/module/persoenlichkeit/2.txt · Zuletzt geändert: 2011/07/10 16:51 von carlo
 
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