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Legasthenie

1. Einführung

Teilleistungsschwäche

Teilleistungsschwächen sind Schwächen, bei denen zwar der IQ über 70 liegt, es liegen jedoch Defizite in basalen zentralnervösen Funktionen vor:

  • Wahrnehmung
  • Gedächtnis
  • Motorik
  • Aufmerksamkeit
  • Integration

Es können spezifische Kombinationen der Teilleistungsschwächen vorkommen.

⇒ In der Konsequenz ergeben sich partielle Lernbeeinträchtigungen

Definition

Nach der WHO wird Legasthenie wie folgt definiert:

  • Gestörte Entwicklung von Fertigkeiten des Lesens und Rechtschreibens, die sich nicht durch geistige Behinderung, unzureichenden Unterricht, Hör- oder Sehstörungen oder anderen neurologische Erkrankungen erklären lässt.
  • Es besteht eine deutliche Beeinträchtigung der schulischen Leistung
  • Lese- und Rechtschreibleistung liegen deutlich unter dem Niveau, das aufgrund des Alters, der allg. Intelligent und der Beschulung zu erwarten wäre.

Sprachabhängigkeit

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Sprachen und der Häufigkeit von Lese-/Rechtschreibschwäche. Je mehr Ausnahmen in einer Sprache enthalten sind und je komplexer die Sprache ist, desto höher ist die Legasthenie-Rate:

  • Skandinavien → Ca. 1%
  • Deutschland → Ca. 3-5% (Alphabetische Schrift)
  • Arabisch → Ca. 8% (Segmentierte Schrift)
  • China → Ca. 10% (Ideophonetische Schrift)

Häufigkeit

  • Schüler in Deutschland → 3-5%
  • Geschlechtsverhältnis → 3:1 (Jungen:Mädchen)

Symptomatik

Lesestörung

  • Verzögertes Lesenlernen
  • Auslassen, Ersetzen, Verdrehen oder Hinzufügen von Wörtern/Wortteilen
  • Verlangsamtes Lesetempo
  • Startschwierigkeiten beim Vorlesen, Verlieren der Zeile, nicht sinnentsprechende Betonung
  • Gelesenes wird nur unzureichend verstanden

Rechtschreibstörung

  • Reversionen → Verdrehungen von Buchstaben im Wort
  • Umstellung von Buchstaben im Wort
  • Auslassen von Buchstaben
  • Einfügungen falscher Buchstaben
  • Lautliches Schreiben
  • Wahrnehmungsfehler
  • Niedrige Schreibgeschwindigkeit

Sekundäre Symptome

  • Allgemeine Lern- und Leistungsstörungen
  • Emotionale Symptome → Versagensängste, depressive Verstimmung, Schulangst
  • Psycho-somatische Symptome
  • Störungen im Sozialverhalten
  • Hausaufgabenkonflikte

Doppel-/Merhfachdiagnosen

Legasthenie kommt oft in Kombination mit anderen Störungen oder Schwächen vor:

  • ADHS
  • Rechenschwäche
  • Dysgrammatismus

Differentialdiagnose

Die Umschriebene Lese-/Rechtschreibwäsche muss abgegrenzt (Ausschlusskriterien) werden von Lese-/Rechtschreibschwäche bei:

  • Minderbegabung mit allgemeiner Lernschwäche
  • Neurologische Erkrankungen → Aphasie, Alexie, Agraphie, Zerebralparese, Sehbehinderung, Hörbehinderung
  • Primäre psychiatrische Erkrankung mit primärer/sekundärer Lernleistungsstörung
  • Deprivation und mangelnde Lese-/Rechtschreibunterrichtung → Analphabetismus

2. Mehrebenenmodell

Das Mehrebenenmodell von Valtin geht von unterschiedlichen Dimensionen aus:

Diagnostik Intervention
Ursachen Primär Biologische Risikofaktoren Kompensatorisches Training
Sekundär Teilweise Leistungsdefizite Trainieren grundlegender Funktionen
Symptome Primär Schreib- und Lesetests Rehabilitation von Schreiben und Lesen
Sekundär Persönlichkeitsfragebogen, Beobachtung Komplexes Training, Psychotherapie

3. Diagnostik auf den vier Ebenen

Genetik

Familiäre Häufung

Legasthenie tritt häufig familiär auf. Je nach Studie sind 43%-44% der Kinder betroffen, wenn zuvor auch die Eltern betroffen waren.

Auch bei Zwillingen tritt Legasthenie häufig gemeinsam auf:

  • Eineiige Zwillinge → 90%
  • Zweieiige Zwillinge → 32%

Chromosomen

  • Phonologisches BewusstseinChromosom 6
  • Wort-LesenChromosom 15

Gehirnstruktur

Für das korrekte Lesen und Schreiben werden vor allem zwei Systeme benötigt:

  • Magnozelluläres System
  • Parvozelluläres System
Magnozelluläres System
  • Bewegungswahrnehmung
  • Hohe Kontrastempfindlichkeit
  • Geringe Sehschärfe
  • Hohe Lichtempfindlichkeit
  • Wahrnehmung der Beziehung zw. Objekten
  • Tiefenwahrnehmung
  • Lokalisation von Reizen
  • Figur-Grund-Trennung

⇒ Vorwiegend schnelle Reize und Bewegung

Parvozelluläres System
  • Farbwahrnehmung
  • Objekterkennung bei stehenden / sich langsam Bewegenden Objekten

⇒ Vorwiegend Informationen über statische Reize

Overlapping/Mearing effect

Der Breitmeyer effect bezeichnet einen Effekt, bei dem kurz hintereinander gezeigte Stimuli schlechter getrennt werden können. Dieser Effekt tritt bei Legasthenikern auf. Dies führt wiederum zum Overlapping oder Mearing effect, bei dem der Leser Wörter schlechter erkennen kann, da die Buchstaben schlecht differenziert werden können (sie erscheinen überlappend).

Studie Arbeitsgedächtnis

⇒ Siehe auch Sprachabhängigkeit

Hypothese

Arbeitsgedächtnis bei Chinesen aus Honkong (Ideophonetische Schrift) besser als bei Deutschen aus Leipzig (Alphabetische Schrift), da Sprache komplexer und erhöhte Arbeitsgedächtnis-Leistung nötig.

Ergebnisse
  • Chinesen in allen Aufgaben signifikant höhere Reaktionszeiten
  • Chinesen nur in auditiven Aufgaben signifikant höhere Genauigkeit
  • Diskrimination zwischen Legastheniker/Kontrollgruppe nur in Deutschland signifikant möglich

Tests

  • Diagnostischer Rechtschreibtest für 3. Klasse (DRT 3)
  • Westermann Rechtschreibtest 6+ (WRT 6+)
  • Züricher Lesetest (ZLT)
  • Salzburger Lese- und Rechtschreibtest (SLRT)

4. Wie entstehen sekundäre Symptome

Das Modell Teufelskreis Lernstörung von Betz und Breuninger (2004) geht von drei Faktoren aus:

  • Defizit → Entstandene Fehler durch das Defizit wirken auf
  • Umwelt → Repressionen durch die Umwelt wirken auf
  • Selbstwertgefühl → Selbststigmatisierung wirkt auf Defizit

Vier Stadien der Entwicklung

Die Entwicklung findet in vier Stadien statt:

  • 1. Stadium → Defizit beginnt zu wirken
  • 2. Stadium → Kognitive und soziale Reaktionen des Betroffenen verlagern das Zentrum des Geschehens
  • 3. Stadium → Wirkung der Lücken (ab 2. Klasse)
  • 4. Stadium → Vorweggenommenes Versagen führt zu Misserfolgserwartung (Chronifizierung)

5. Diskussion neuer Perspektiven und alternativer Ansätze

In der Diskussion neuer Perspektiven auf Legastheniker und alternativer Ansätze zur Unterstützung bzw. Therapie werden folgende Themen besprochen:

  • Kompensationsvorteile von Legasthenikern
  • Sekundäre Symptome müssen nicht unbedingt entstehen → Z.B. Kritik an Ausgleichsklassen
  • Positive Psychologie → Ressourcenorientierung statt Defizitorientierung

Studie – Kompetenzen

Hintergrund

„Deficits in script aquisition can be the expression of a global, holistic processing style and can be based on the reduced hemispheric assymmetry.“ (Karolyi, 2001)

„Impossible figures can be seen as possible in each detail by an analytic processing style. The require a holistic processing style for the detection of their impossibility.“

„Assumption of advantages of dyslexic individuals.“

Methode

Die Methode basierte auf dem Möglich-Unmöglich Figuren Paradigma (possible-impossible figures paradigm), bei welchem entschieden werden muss, ob gegebene Bilder möglich oder unmöglich sind. Untersucht wurden Probanden in einem Alter von im Mittel ca. 17 Jahren.

Erhoben wurde:

  • IQ (CFT 20-R)
  • 3 zufällige Aufgabensets des Möglich/Unmöglich-Tests

Ergebnisse

Es konnte ein signifikanter Leistungsunterschied zwischen den Legasthenikern und der Kontrollgruppe festgestellt werden.

  • Bei zweitem Set bessere Reaktionszeit bei Legasthenikern
  • Bei drittem Set bessere Reaktionszeit bei männlichen Probanden
  • Bei drittem Set Interaktion zwischen Legasthenie und Geschlecht

Diskussion

Die Vorteile der Legastheniker lagen nur in der Reaktionszeit. Die Genauigkeit war in allen drei Aufgabensets gleich mit der Kontrollgruppe.

Geschlechtsvorteile ergaben sich für Männer bzgl. der Reaktionszeit und für Frauen bzgl. der Genauigkeit.

Alternative Ansätze

1. Davis Lernmethode

Eine Lernchance besteht durch kreatives Lesen. Diese Methode des ressourcenorientierten Ansatzes wurde von Ronald D. Davis entwickelt, der selbst Legastheniker war und eigene Techniken zum Lesen- und Schreibenlernen entwickelt hat.

2. Reformpädagogik

In reformpädagogischen Ansätzen wird oft großer Wert auf das Lernen durch mehrere Sinne gelegt. Dadurch ist es für Legastheniker oft einfacher Anschluss in der Schule zu finden.

 
uni-leipzig/psychologie/module/paedagogisch3/5.txt · Zuletzt geändert: 2012/12/09 23:56 (Externe Bearbeitung)
 
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