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4. Dyskalkulie

1. Begrifflichkeit

Unterscheidung

Es wird generell unterschieden zwischen:

  • Entwicklungsbedingte Rechenstörung (developmental dyscalculia) / Dyskalkulie
  • Erworbene Rechenstörung → (Aquired dyscalculia) / Arithmasthenie

Begriffe

Es existieren vielfältige Begriffe:

  • Dykalkulie (vs. Dyslexie)
  • Arithmasthenie (vs. Legasthenie)
  • Rechenstörung (vs. Leserechtschreibstörung)
  • Rechenschwäche (vs. Leserechtschreibschwäche)
  • Mathematische Lernstörung
  • Mathematische Lernschwäche
  • Mathematische Schulleistungsschwäche

2. Definition

„Wenn ein Kind von normalem Intelligenzniveau im Rechnen durchgehend schwach ist oder darin völlig versagt, so kann es berechtigt sein, eine Rechenschwäche zu vermuten. Nicht jedes Kind, das schlecht rechnet, hat eine Rechenschwäche. […]“

„Es gibt auch nicht die Rechenschwäche, sondern so viele verschiedene Rechenschwächen, als es rechenschwäche Kinder gibt. Keine gleicht exakt der anderen. Die Rechenschwäche ist ein abstrakter Sammelbegriff. Im konkreten Falle haben wir es mit der individuellen Rechenschwäche eines bestimmten Schülers zu tun.“ (Wolfensberger, 1981)

Einordnung nach ICD-10

Die Rechenstörung ist klassifiziert in der Nummer F81 „Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“.

  • F81.0 Lese-/Rechtschreibstörung
  • F81.1 Isolierte Rechtschreibstörung
  • F81.2 Rechenstörung
  • F81.3 Kombinierte Störungen schulischer Fertigkeiten

F82.2 Rechenstörung

„Diese Störung besteht in einer umschriebenen Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Defizit betrifft vor allem die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten, wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die höheren mathematischen Fertigkeiten, die für Algebra, Trigonometrie, Geometrie oder Differential- und Integralrechnung benötigt werden.“

Ausschlusskriterien

Ausgeschlossen werden Rechenschwächen als Folge von:

  • Unangemessenen Unterrichts, Deprivation
  • Zerebrale Schädigungen → Verlust bereits erworbener Rechenfähigkeit (erworbene Rechenschwäche)
  • Mangelnde Intelligenz (IQ < 70)
  • Organische Erkrankungen, Psychische Störungen oder Behinderungen (sekundäre Rechenschwäche)

Unterscheidung

  • Umschriebene/isolierte Rechenstörung
  • Kombinierte Rechenstörung

3. Erscheinungsformen

Häufig auftretende Fehler bei Dyskalkulie sind:

  • Fehlende Mengen- und Größenverständnis
  • Zählfehler
  • Transkodierungsfehler
  • Fehlendes Verständnis des Stellenwertes
  • Rechenfehler

1. Fehlendes Mengen-und Größenverständnis

  • Zahlenwörter kann keine konkrete Menge zugeordnet werden
  • Arabische Ziffern kann keine konkrete Menge zugeordnet werden
  • Absolutes Einschätzen von Mengen nicht möglich
  • Kontextuelles Mengenverständnis nicht möglich
  • Sofortiges Erfassen kleiner Mengen nicht möglich
  • Überschlagsrechnung nicht möglich
  • Unmögliche Rechenergebnisse werden nicht erkannt
  • Mengenvarianz wird nicht erkannt

2. Zählfehler

  • Abzählen von konkreten Objekten nicht möglich
  • Beim Vorwärtszählen werden Zahlen übersprungen
  • Beim Rückwärtszählen wird ins Vorwärtszählen gewechselt, Einer/Zehner ausgelassen
  • Zählen in größeren Schritten gelingt nicht (z.B. Fünferreihe)

3. Transkodierungsfehler

  • Fehler bei der Übertragung einer Zahl aus arabische in verbal/schriftliche Form
  • Fehler beim Lesen arabischer Zahlen
  • Verdrehen von Ziffern beim Schreiben arabischer Zahlen
  • Lautgetreues Schreiben diktierter Zahlen

4. Fehlendes Verständnis des Stellenwertes

  • Ziffern von Zahlen werden willkürlich zusammengerechnet (ohne den Stellenwert zu berücksichtigen)
  • Beim Rechnen werden Zehner-/Hunderter- oder Tausenderübergänge nicht beachtet
  • Stellen einer Zahl können nicht benannt werden (Einer, Zehner, Hunderter, Tausender)
  • Falsches Untereinanderschreiben beim schriftlichen Rechnen

5. Rechenfehler

  • Verrechnen um eins
  • Vertauschen von Rechenzeichen
  • Falsches Transfer- und Analogieverständnis
  • Falsche Rechenergebnisse aus den gleichen Rechenreihen
  • Fehler im Umgang mit der Null
  • Fehlende Beachtung eines Rechenzeichenwechsels

4. Prävalenz und Geschlechtsunterschiede

Prävalenz

Je nach Studie gibt es unterschiedliche Angaben bezüglich der Prävalenz:

  • 5-8% Prävalenz
  • 3-6% Prävalenz

Geschlechtsunterschiede

  • Leserechtschreibschwäche → 7:3 (Jungen:Mädchen)
  • Dyskalkulie → 3:7 (Jungen:Mädchen)

Aber es liegen unterschiedliche Ergebnisse in Studien vor:

  • Jungen und Mädchen gleichhäufig (1994, 1996)
  • Mädchen häufiger betroffen (2003)
  • Am Ende der 2. Klasse v.a. bei umschriebenen Rechenstörungen sind Mädchen häufiger betroffen (2005)

5. Ursachen, Verlauf und Folgen

Ursachenfelder

  • Individuum → Genetisch, Neuropsychologisch, Psychische Komponenten
  • Schulisches Umfeld → Unterrichtsmethoden, Lehrerpersönlichkeit, Arbeitsmittel, Mitschüler, Leistungsdruck, etc.
  • Soziokulturelles/Familiäres Umfeld → Einfluss auf psychische Komponenten, Sprachliche Erfahrung, Lernanregungen, Hilfen, Mitschüler, etc.

Folgen

In der Folge einer schwachen Rechenleistung ergibt sich ein Teufelskreis:

  • Misserfolg Schule
  • Verstärktes unspezifisches Üben
  • Weiterhin Misserfolg
  • Wachsende Selbstzweifel
  • Geringer subjektiver Leistungszuwachs (im Vergleich zu Leistungszuwachs Klasse)
  • Weiteres unspezifisches Üben
  • Einsetzende Verweigerungshaltung
  • Allgemeine Schulunlust → Misserfolg Schule

Häufige Sekundärsymptome

Aus der Dyskalkulie können sich eine Reihe von Sekundärsymptomen ergeben. Zu diesen gehören nach Ramacher-Faasen (1999):

  • Konzentrationsstörung / Starke Ablenkbarkeit
  • Vermeidungsverhalten
  • Nervosität / Motorische Unruhe
  • Wutausbruch / Aggressivität
  • Psychosomatische Beschwerden
  • Leichte Ermüdbarkeit / Fehlendes Durchhaltevermögen
  • Anpassungsprobleme
  • Schulunlust / Schulangst
  • Mangelendes Selbstwertgefühl
  • Introvertiertheit
  • Kontaktprobleme mit Gleichaltrigen
  • „Klassenkasper“
  • Unordentlich wirkende Arbeitsweise
  • Häufiges Wiederholen/Erfragen von Aufgabenstellungen
  • Überhören von Aufgabenstellungen
  • Langsame/Unkonzentrierte Arbeitsweise
  • Verlangsamtes Reagieren
  • Hoher Zeitaufwand für Hausaufgaben

6. Diagnostik

Im diagnostischen Prozess eigenen sich (1) Schulleistungstest als Screening z.B. in einer Schulklasse, während spezielle (2) Dyskalkulietests spezifische Probleme aufdecken können.

Schulleistungstests

  • Deutsche Mathematiktests (DEMAT) → Klassenstufe 1 bis 6
  • Heidelberger Rechentest (HRT)

Dyskalkulietest

  • Osnabrücker Test zur Zahlenbegriffsentwicklung (OTZ)
  • Rechenfertigkeiten- und Zahlenverarbeitungsdiagnostikum (RZD)
  • Neuropsychologische Testbatterie für Zahlenverarbeitung und Rechnen bei Kindern (ZAREKI-R)

7. Intervention und Förderung

Integrative Lerntherapie

Ziele der integrativen Lerntherapie sind:

  • Verbessertes Selbstwertgefühl/Lernmotivation
  • Verbesserte Lernvoraussetzungen
  • Aufbau inhaltlicher Grundlagen (Lückenaufarbeitung)

EIS-Prinzip

  • Enaktiv → Handelnd
  • Ikonisch → Bildlich
  • Symbolisch → Verbal/Formal
 
uni-leipzig/psychologie/module/paedagogisch3/4.txt · Zuletzt geändert: 2012/11/26 14:37 (Externe Bearbeitung)
 
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