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2. Ursachen Lern- und Verhaltensstörungen (Ätiologie)

2.1. Universale Erklärungsansätze

Universelle Erklärungsansätze versuchen für eine Störung eine einzige Ursache zu finden. Sie sind in der heutigen Zeit nicht mehr von Relevanz.

Beispiel

Konzentrationsstörungen wurden als Folge eine leichten kindlichen Hirnschädigung verstanden. Erst später wurde diese universelle Erklärung durch eine differenzierte Betrachtung ergänzt.

Ausnahmen

Bei manchen Behinderungen (z.B. Phenylketonurie, im Folgenden), vor allem solchen, die genetisch bedingt sind, sind universelle Erklärungsansätze noch teilweise verwendbar. Dabei werden dann jedoch Ausprägungen und evtl. Umwelteinflüsse vernachlässigt.

Beispiel Phenylketonurie (PKU)

Die Phenylketonurie zeichnet dadurch aus, dass das Enzym fehlt, welches die Aminosäure Phenylalanin abbaut. Wird eine konsequent phenylalaninarme Ernährung durchgeführt, so bleiben die Symptome aus.

Symptome

  • Fortschreitender Intelligenzdefekt
  • Beeinträchtige Sprachentwicklung
  • Tremor, Hypertonie der Muskulatur
  • EEG-Veränderung
  • Autoaggression
  • Albinotypus

2.2. Multivariate Ansätze

Multivariate Ansätze gehen davon aus, dass Störungen sich durch die (1) mehrerer Ursachen beschreiben lassen. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass es (2) nur eine Erklärungsmöglichkeit für eine bestimmte Störung gibt.

Innerhalb der Multivariaten Ansätze gibt es drei weitere Ansätze:

  • Einfach mehrfaktorieller Ansatz (Steinhausen)
  • Zeitabhängiges Wechselwirkungsmodell (Werner)
  • Mehrebenen Modell

2.2.1. Einfach mehrfaktorieller Ansatz

Im einfach mehrfaktoriellen Ansatz nach Steinhausen wird davon ausgegangen, dass es zwar mehrere Ursachen gibt, diese jedoch nicht in Wechselwirkung stehen. Dadurch ergeben sich zwei Nachteile. Es können keine Aussagen getroffen über:

  • Zeitliches Auftreten von Ursachen
  • Wechselwirkung

Mögliche Faktoren

  • Biologische Faktoren
  • Aktuelle Lebensumstände
  • Familiäre Faktoren
  • Gleichaltrige (pear-groups)
  • Psychosoziale Faktoren
  • Soziokulturelle Faktoren
  • Schulische Faktoren

Biologische Faktoren

Biologische Faktoren können z.B. sein:

  • Genetische Faktoren
  • Konstitution
  • Somatische Faktoren

1. Genetische Faktoren

  • Genetische Bedingungen als Ursache → z.B. Down-Syndrom, Phenylketonurie
  • Genetische Bedingungen sind wirksam → z.B. Schizophrenie, frühkindlicher Autismus

2. Konstitution

1. Geschlecht
  • Biologisch/Neurobiologisch
  • Geschlechtshormone
  • Sozialisationsspezifische Faktoren

⇒ Beispiel Mädchen weisen schwerere und längere Posttraumatische Belastungsstörung auf

2. Temperament

Das Temperament ist der Verhaltensstil eines Menschen. Dabei wurden 9 Verhaltensstile benannt (Thomas & Chess):

  • Aktivitätsniveau
  • Stimmungslage
  • Annährung/Rückzug → In neuen Situationen
  • Rhythmizität → Regelmäßige biologische Zyklen
  • Anpassungsfähigkeit
  • Reaktionsschwelle / Reaktionsintensität
  • Ablenkbarkeit
  • Aufmerksamkeitsspanne

3. Somatische Faktoren

  • Körperliche Veränderungen/Beeinträchtigungen → z.B. Entzündung, Traumata, Missbildung
  • Prä-perimatale Risikoergebnisse

Soziokulturelle Faktoren

  • Sozialschicht
  • Ökologie → Städtisch/Ländlich
  • Migration → Kulturkonflikte, Kommunikationsprobleme, etc.

Situative Faktoren

  • Verlust einer Bezugsperson
  • Tod eines geliebten Haustiers
  • etc.

Beispiel - Ätiologie von Essstörungen

  • Biologische Faktoren
  • Soziokulturelle Faktoren
  • Familiäre Faktoren
  • Individuelle Persönlichkeitsfaktoren

Multifaktorielle Genese (Zusammenspiel mehrere Faktoren, entgegen Steinhausen)

Biologische Faktoren

  • Genetik → Festgestellt durch Zwillingsstudien
  • Hypothalamus-Dysfunktion → Derzeit diskutiert
  • Serotoninmangel bei Bulimie → Derzeit diskutiert

Soziokulturelle Faktoren

Soziokultureller Faktor sind Schönheitsideale bzw. Normen.

Persönlichkeitsfaktoren

Methodische Probleme bei der Feststellung von Faktoren sind (1) Retro- vs. Prospektive Daten und (2) Ursache/Wirkung.

  • Höherer Perfektionsmismus
  • Geringe Selbstachtung
  • Probleme mit Emotionsregulierung
  • Kognitive Verzerrung → Übertreibung, Dichotomes Denken, Personalisierung, Magisches Denken, Selektive Abstraktion

Prädiktoren und Risikofaktoren

Gute Prädiktoren sind:

  • Neigung zu negativen Emotionen
  • Geringes introzeptives Bewusstsein
Risikofaktoren
  • Weibliches Geschlecht
  • Frühes eintreten der Pubertät
  • Frühkindliche Probleme mit Essen
  • Chronisches Diätverhalten
  • Übermäßige Bedeutsamkeit von Figur/Gewicht
  • Niedriges Selbstwertgefühl
  • Sexueller Missbrauch
  • Psychopathologische Auffälligkeiten
Risikogruppen
  • Junge Mädchen
  • Models
  • Sportlerinnen

Viele Risikofaktoren sind nicht spezifisch für Essstörungen. Außerdem gibt es mehr bestätigte Risikofaktoren für Bulemia Nervosa, als für Anorexia Nervosa.

2.2.2. Zeitabhängiges Wechselwirkungsmodell

Das zeitabhängige Wechselwirkungsmodell nach Werner beschreibt unterschiedliche Faktoren, welche jedoch im Gegensatz zu Steinhausen in Wechselwirkung stehen können:

  • Risikofaktoren → Wirken von Geburt an
  • Protektivfaktoren → Schützende Faktoren
  • Belastungsfaktoren → Üngünstige Verhältnisse

1. Risikofaktoren

  • Perinatale Komplikationen → Komplikationen bei der Geburt
  • Genetische Anomalien
  • Chronische Armut
  • Geringer Bildungsgrad der Mutter
  • Entwicklungsverzögerungen
  • Psychopathologisch auffällige Eltern

⇒ Risikofaktoren beeinflussen Vulnerabilität

2. Belastungsfaktoren

  • Längere Trennung im 1. Lebensjahr
  • Scheidung/Trennung der Eltern
  • Wiederholte Krankheit
  • Erkrankung der Eltern
  • Behinderte Geschwisterkinder
  • Abwesenheit des Vaters
  • Außerfamiliäre Unterbringung
  • Schwangerschaft in Adoleszenz (bei Mädchen)

3. Protektive Faktoren

Kind

  • Gute Kommunikation
  • Positives Selbstbild
  • Erstgeborenes
  • Hohe Aktivität als Säugling
  • Positives Sozialverhalten
  • Fähigkeit zur Selbsthilfe
  • Ausgeprägte Interessen
  • Selbstkontrolle

Umgebung

  • Viel Zuwendung
  • Weitere Beziehungspersonen
  • Zusammenhalt der Familie
  • Positive Eltern-Kind-Beziehung
  • Freunde
  • Geregelter Haushalt
  • Hilfe und Rat bei Bedarf

Beispiel - Posttraumatische Belastungsstörung

Risikofaktoren

  • Niedriger Sozioökonomischer Status
  • Auffällige Persönlichkeitszüge → Asthenisch, Ängstlich, Emotional instabil
  • Neurotische Verhaltensauffälligkeiten
  • Mütterliche Berufstätigkeit (im 1. Jahr)
  • Frühere traumatische Lebenserfahrung
  • Große Familie / Wenig Wohnraum
  • Kriminalität/Dissozialität eines Elternteils
  • Alleinerziehende Mutter
  • Psychische Störung eines Elternteils

Schutzfaktoren

  • Gute Beziehung zu primärer Bezugsperson
  • Stabiles soziales Netzwerk
  • Überdurchschnittliche Intelligenz
  • Robustes/aktives/kontaktfreudiges Temperament
  • Sicheres Bindungsverhalten
  • Soziale Förderung
  • Schule/Kirche
  • Ausgeformte Bewältigungsstrategien → Coping

Studien

  • Je jünger das Kind, desto gravierender die Auswirkung (Psynoos, 1994)
  • Reaktion eines Kindes abhängig von Stand der kognitiven/sprachlichen Entwicklung des Kindes (Bailly, 1999)
  • Strategien der Vermeidung der Auseinandersetzung erhöht Risiko längerandauernder PTBS (Landholt, 2004)
  • PTBS Ausprägung abhängig von persönlichen Faktoren (Schlegl, 2006)

2.2.3. Mehrebenenmodell

Im Mehrebenenmodell werden mindestens (1) 2 Ursachenebenen und (2) 2 Symptomebenen angenommen. Dazu gehört:

1. Ursachenebenen
  • Primäre Ursachenebene → Biologische Faktoren, Umweltbelastung
  • Sekundäre Ursachenebene → Teilleistungsschwächen
2. Symptomebenen
  • Primäre Symptome → Störung an sich, z.B. Legasthenie (Leistungseinbußen)
  • Sekundäre Symptome → Erlebens- und Verhaltensstörung

2.2.4. Systemische Erklärungsansätze

In systemischen Ansätzen werden Störungen immer als ein Ausdruck eine gestörten Systems betrachtet (z.B. Schulklasse, Familie, etc.). Das Kind wird als Symptomträger betrachtet.

Beispiel - Anorexia Nervosa

Bei Anorexia Nervosa Patienten gibt es bestimmte typische Interaktionsmuster der Familien:

  • Verstricktheit → Mangel an Individualität
  • Unzureichende Konfliktbewältigung → Vermeidung von Konflikten
  • Überfürsorglichkeit
  • Starrheit → Dogmatische Ordnungsmuster erschweren Rollenneudefinition
 
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