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9./10. Mikrosystemanalyse: Lehrer-Schüler-Interaktion

9.1. Interaktionsbesonderheiten Schüler-Lehrer

  • Pseudokontingenz → Kein aufeinander bezogenes Verhalten
  • Asymmetrische Kontigenz → Reaktion auf Partner, keine Gegenreaktion (Einseitiger Bezug)
  • Reaktive Kontingenz → Reaktion auf Partner, kein eigenes Ziel (Situationsbezogenes Verhalten)
  • Wechselseitige Kontingenz → Reaktion auf Partner, eigene Interessen bleiben bestehen

9.2. Der Pygmalioneffekt

Der Pygmalioneffekt (oder Rosenthal-Effekt) wurde 1968 in einer Studie von Rosenthal und Jacobsen postuliert. Er beschreibt wie eine Vorhersage bzw. Erwartung an Personen deren tatsächliches Verhalten in die erwartete Richtung beeinflussen kann (Selbsterfüllende Prophezeiung).

Verwandte Effekte sind der (1) Placebo-Effekt (Medikamentenwirksamkeitserwartung) und der (2) Hawthorne-Effket (Versuchsleitererwartung).

Die Studie

An der Studie nahmen 320 Schüler einer Grundschule zwischen der 1. und 6. Klasse teil. Die Schüler wurden in drei Gruppen eingeteilt (1) schnelle Schüler, (2) durchschnittliche Schüler und (3) langsame Schüler (in der Studie als „Zug“ bezeichnet).

Anschließend wurde ein Pseudo-Intelligenztest mit den Schülern durchgeführt. Zufällig wurden 20% der Schüler (Experimentalgruppe 65 Schüler) ausgewählt, welche nach dem Intelligenztest angeblich besondere Fähigkeiten haben sollen und in der nächsten Zeit besonders gute Leistungen zeigen würden. Diese Schüler wurden den Lehrern genannt.

Anschließend wurden zu 4 Zeitpunkten die Fähigkeiten der Kinder gemessen:

  • Vortest → Pseudo-Information für Lehrer
  • Post 1 → Nach 4 Monaten
  • Post 2 → Nach 8 Monaten
  • Post 3 → Nach 20 Monaten

Im zweiten Jahr der Untersuchung (Post 3) unterrichtete ein unbeeinflusster Lehrer die Schüler. Gemessen wurde:

  • IQ → TOGA (Test of General Ability)
  • Noten → Verschiedene Fächer
  • Schülermerkmale → Neugiermotivation, Bedürfnis nach sozialer Anerkennung

Der Vorteil durch Erwartung für die Schüler wurde ermittelt durch:

tex:EV = \Delta\bar{L}_{Exp} - \Delta\bar{L}_{Kontr}

  • tex:EV → Erwartungsvorteil
  • tex:\Delta\bar{L}_{Exp} → Mittlere Leistungssteigerung der Experimentalgruppe („besondere“ Kinder)
  • tex:\Delta\bar{L}_{Kontr} → Mittlere Leistungssteigerung der Kontrollgruppe („normale“ Kinder)

Ergebnisse

Eine deutlich erhöhte Leistungssteigerung der „Besonderen“ gegenüber den „Normalen“ ergab sich in vielen Klassenstufen bereits nach 8 Monaten:

  • IQ-Steigerung in Klasse 1 und 2
  • Leseleistung in Klasse 1, 2 und 3
  • Intellektuelle Neugierde in Klasse 1, 2 und 6

Erwartungsvorteil

Der Erwartungsvorteil fiel in den meisten Fällen signifikant aus:

  • Mädchen → Vor allem bezüglich IQ erhöhter Erwartungsvorteil
  • Jungen → Vor allem bezüglich Leseleistung erhöhter Erwartungsvorteil
Erwartungsvorteile bzgl. Zug

Besonders hohe Erwartungsvorteile ergaben sich für die durchschnittlichen Schüler (normaler Zug).

Erwartungsvorteile bzgl. Herkunft

Besonders hohe Erwartungsvorteile ergaben sich außerdem für Kinder mexikanischer Herkunft (gegenüber Kindern nicht-mexikanischer Herkunft).

Erklärung

  • Quantität der Interaktion → Mehr Zeit für „besondere“ Schüler (messbar)
  • Qualität der Interaktion → Mehr Mühe für „besondere“ Schüler (kaum messbar)

⇒ Genaue Ursachen ungeklärt

Kritik

  • Kleine Stichprobe (320 Schüler)
  • Wenige Ergebnisse zeitstabil signifikant
  • Oft geringe Effektstärke
  • Keine Daten von Eltern und Lehrern

Fazit

  • Effekt existiert schwach
  • Untere Klassen → Effekt dort am Stärksten, jedoch nicht stabil
  • Zeitstabilität bei mexikanischen und durchschnittlichen Schülern
  • Geschlechtsunterschiede → Mädchen werden in IQ besser, Jungen in Lesefähigkeit
  • Nachteilsausgleich
  • Notenverbesserung verbunden mit erhöhter kognitiver Neugierde & Abbau des Bedürfnisses nach sozialer Anerkennung

9.3. Erklärungen für den Pygmalioneffekt

Bei der Erklärung des Pygmalioneffektes geht man von folgendem Prozess aus:

  • Erwartung
  • Soziale Informationsverarbeitung
  • Kategorisierung/Attribution
  • Lehrerentscheidung
  • Differenziertes Lehrerverhalten
  • Anpassung des Schülers

Determinanten des Lehrererwartungs-Effektes

Auf die Grundlagen der Schülerbeurteilung fließen viele Eigenschaften ein. Dazu gehören:

  • Geschlecht
  • Schüler-Kartei
  • Name des Kindes
  • Ethnische Herkunft
  • Ergebnisse von Tests
  • Erfahrungen mit Geschwistern
  • Körperliche Merkmale
  • Vorausgegangene Leistungen
  • Sozio-ökonomischer Status
  • Verhalten des Kindes

Auf Basis dieser Grundlage entwickelt sich eine Erwartungshaltung des Lehrers. Daraus resultiert:

  • Lehrererwartung
  • Lehrerverhalten → Gruppierung, Frageart, Verstärkung/Rückkopplung, verschiedene Aktivitäten
  • Selbsteinschätzung des Schülers → Auf Basis des Lehrerverhaltens
  • Verhalten des Schülers → Beeinflusst erneut die Erwartungshaltung des Lehrers

Studien

Reaktionen

Bei schlechter Leistung werden unterschiedliche Schüler verschieden attribuiert (einzelne Beispiele):

  • Klassenprimus → Trotz Begabung, wegen Pech
  • Extravertierter → Wegen mangelnder Anstrengung und Konzentration
  • Introvertiert-Sensibler → Wegen Schüchternheit
  • Schlechter Schüler → Wegen Schwierigkeit des Stoffes trotz Anstrengung

Bei guten Leistungen entsprechend umgekehrt:

  • Klassenprimus → Wegen Begabung und Konzentration
  • Extravertierter → Begabung / Wegen Interesse
  • Introvertiert-Sensibler → Anstrengung
  • Schlechter Schüler → Trotz mangelnder Begabung

Schlechte Schüler werden evtl. einfach nur schlecht gesehen. Es werden negative Ergebnisse bereits erwartet (Vorurteil).

Kognitive Prozesse von Lehrern

In einem Modell über kognitive Prozesse von Lehrern (1978). Wird ein Lehrerverhalten nur dann verändert, wenn alle der folgenden Aspekte gegeben sind:

  • Schülerverhalten nicht tolerierbar
  • Alternativen sind verfügbar
  • Anderes Verhalten ist möglich

Verhaltensänderung

Gegenüber vermeindlich schwächeren Schüler zeigen Lehrer ein anderes Verhalten:

  • Weniger Aufmerksamkeit
  • Weger Zeit zur Beantwortung
  • Verminderte Bereitschaft Frage umzuformulieren
  • Weniger Freundlich
  • Weniger Zuwendung → Augenkontakt, Nicken, Hinwenden, etc.
  • Weniger Lob
  • Entscheidungen eher zu ungunsten des Schülers

Übersehene Fehler

  • Bessere Schüler → 27,3% übersehene Fehler
  • Schlechtere Schüler → 7,7% übersehene Fehler

⇒ Die Fehler von besseren Schülern werden eher übersehen

2 Sozialpsychologische Prozesse

  • Wahrnehmungsselektion durch Einstellung → Bevorzugte Wahrnehmung
  • Reziprokes Verhalten des Schülers → Schüler passt Verhalten an Erwartung an

9.4. Zirkularität und Bedingungen

Mit der Zirkularität ist fortlaufender Prozess der Lehrererwartung gemeint. Da sich aufgrund der Erwartung des Lehrers das Verhalten des Schülers ändert, kann dieser Verhaltensänderung des Schülers wiederum nicht nur eine Bestätigung der bisherigen Erwartung sein, sondern zusätzlich weitere Erwartungen aktivieren.

 
uni-leipzig/psychologie/module/paedagogisch1/9.txt · Zuletzt geändert: 2012/08/13 16:24 von carlo
 
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