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11. Familienpsychologie

Lernziele
- Grundlagen der Familienpsychologie
- Möglichen Konfliktgebieten im Mikrosystem Familie
- Empirischen Befunden aus der Kölner Längsschnittstudie

11.1. Einleitung

Begriffsbestimmung

Familienpsychologie

„Die Familienpsychologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der familiären Lebenspraxis, d.h. mit dem Verhalten, dem Erleben und der Entwicklung von Personen im Kontext des Beziehungssystems „Familie“ beschäftigt, und zwar mit der Absicht der Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Veränderung der dabei auftretenden Phänomene und ihrer Bedingungen.“ (Schneewind, 2002)

Familie

Der Begriff der Familie bezeichnet:

  • Generationale Folge von Personengruppen → Biologisch, soziale oder rechtlich Verbunden
  • Intim und zeitstabil
  • Primärgruppenbeziehung → Hoher Grad an interpersonaler Involviertheit

Familie lässt sich aus verschiedenen Perspektiven definieren:

  • Rechtlich → Ehe und deren Kinder oder eingetragene Lebenspartnerschaft
  • Biologisch → Blutsverwandschaft
  • Funktional → Wirtschaftseinheit von Erwachsenen und Kindern oder Zusammenleben
  • Psychologisch → Emotionale Nähe, Zugehörigkeitsgefühl (allg. flexible Definition)

Intime Beziehungssysteme

Kriterien für ein intimes Beziehungssystem sind nach Haase (2005):

  • Abgrenzung → Raumzeitliche Abgrenzung von anderen
  • Privatheit → Umgrenzter Wohnraum mit wechselseitigem Verhaltensaustausch
  • Dauerhaftigkeit → Zeitlich längerfristig wechselseitige Bindung, Verpflichtung und Zielorientierung
  • Nähe → Physische, geistige, emotionale Intimität

Familiäre Beziehungssysteme

Merkmale eines familiären Beziehungssystems nach Hinde (1997) sind:

  • Symmetrie- und Komplementarität → In Beziehung zu Geben und Nehmen
  • Ähnlichkeiten/Unähnlichkeiten in beziehungsrelevanten Merkmalen
  • Unterschiedliche Formen der Machtausübung/Konfliktregulation
  • Ausgeprägte Selbstöffnung, Selbstoffenbarung, Privatheit
  • Besonderheiten in Selbst- und Fremdwahrnehmung
  • Hohes Vertrauen
  • Erlebte Verpflichtung bzgl. Aufrechterhaltung der Beziehung

Familie im Wandel

  • Gestiegene Lebenserwartung → Längere gemeinsame Lebensphasen
  • Gesunkene Heiratsneigung → Auch gestiegenes Alter bis zur Hochzeit (7 Jahre später, 1975-2007)
  • Hohe Scheidungsrate
  • Partnerschaft ohne Trauschein → Heute höhere Akzeptanz
  • Geburtenrückgang → Seit 1965 von 2,37 auf 1,32 Kinder pro Frau
  • Neue Perspektiven für Frauen → Emanzipation
  • Bedeutung Eltern-Kind-Beziehung → Höhere Bedeutung, „Emotionalisierung“
  • Veränderte Erziehungswerte → Eingehen und Förderung statt Pflichtbewusstsein, Gehorsam und Fleiss
  • Alternative Familienmodelle → Gestiegene Bedeutung nicht-traditioneller Familienmodelle

Familiensystemtheorie

Ein System wird als eine Menge von Elementen bezeichnet, die in Beziehung zueinander stehen.

Ein Familiensystem umfasst Subsysteme, zu denen gehören z.B. Eltern und Geschwister, diese sind wiederum eingeordnet in Suprasystem wie z.B. Verwandschaft oder Freundeskreise.

Relevant sind Familiensysteme für die Arbeit mit Klienten:

  • Personale Ebene → Motive, Erfahrungen, etc.
  • Interpersonale Ebene → Beziehungen, Interaktionen, etc.
  • Systemische Ebene → Gesamtkontext

Spannungsfeld Generation

Zwischen den Generationen kommt es zu Spannungen. Dabei ist sowohl der intragenerationale, als auch der intergenerationale Bereich betroffen. Konkret:

  • Eltern-Kind-Beziehung
  • Eltern-Großeltern-Beziehung
  • Großeltern-Kind-Beziehung
  • Geschwister-Beziehung
  • Partner-Beziehung

11.2. Mögliche Konflikte im Mikrosystem Familie

Intergenerationale Transmissionen

Als intergenerationale Transmissionen werden Übertragungen von einer Generation auf die nächste bezeichnet. Dies kann bei folgenden Aspekten der Fall sein:

  • Bindungssicherheit
  • Elterliches Erziehungsverhalten
  • Scheidungsrisiko
  • Gewalt

Folgen von Scheidung

Eine Scheidung der Eltern führt zu kurz- und langfristigen Folgen für Kinder und Eltern. Dabei wurde die Spill-Over-Hypothese formuliert. Die Hypothese geht davon aus, dass sich eine belastete Paarbeziehung auch auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirkt.

  • Kind wird zum Problemkind stigmatisiert
  • Konflikthafte Elternbeziehung als Modell
  • Konflikt als Auslöser erzieherischer Inkonsistenz → Z.B. Mutter-Kind Koalition
  • Familienexterne und -interne Stressoren → Armut, Krankheit, Mobbing, etc.

Kölner Längsschnittstudie

In der Kölner Längsschnittstudie wurden die kurz- und langfristigen Folgen von Trennung und Scheidung auf Kinder und Eltern untersucht. Erhoben wurden die Daten zwischen 1990 und 1993. Verwendet wurden Testverfahren, Verhaltensbeobachtung, sowie Selbst- und Fremdeinschätzungen.

Konzept

Untersuchungskonzept bzw. den theoretischen Rahmen bildete:

  • Veränderung familiärer Beziehung nach Scheidung
  • Systemischer Ansatz → Familie als soziales System, welches sich umstrukturiert
  • 2-Phasen-Modell → (1) Desorganisationsphase, (2) Reorganisationsphase
  • 3-Phasen-Modell → (1) Akute Phase, (2) Übergangsphase, (3) Stabilisierungsphase
  • Perspektivischer Zugang → Subjektive Sichtweise der Familiensituation
  • Differentieller Ansatz → Pluralistische Lebensformen (keine spezifische „Scheidungsfamilie“)
  • Bewältigung der Scheidung → Kriterium ist Vermeidung von kindlichem Leidensdruck/Entwicklungsstörungen

Methode

Angenommen wurde das 3-Phasen-Modell, woraus sich ein Längsschnitt mit 3 Messzeitpunkten ergab. Diese erfolgten zwischen 1990 und 1993. Nach 6 Jahren wurde eine vierte Messung durchgeführt um die Bewältigung zu überprüfen. Die Stichprobe ergab sich aus 60 Trennungsfamilien.

Subgruppen

Die Elternpaare wurden bzgl. ihren Familiendefinitionen in Subgruppen eingeordnet.

  • Gruppe 1 → Positive Einschätzung der Beziehung
  • Gruppe 2 → Unterschiedliche Einschätzung der Beziehung
  • Gruppe 3 → Negative Einschätzung der Beziehung
Variablen

Erhoben wurde:

  • Zärtlichkeit
  • Konflikte
  • Resignierte Unzufriedenheit
  • Unterdrückung

Ergebnisse

Gruppenunterschiede
  • Geringeres Belastungserleben bei Gruppe 1 (soziodemographische Daten von Bedeutung)
  • Weniger Verhaltensauffälligkeiten der Kinder bei Gruppe 1
Verhaltensauffälligkeiten
  • 1. Erhebung → 54% der Kinder auffällig
  • 2. Erhebung → 40% der Kinder auffällig
  • 3. Erhebung → 30% der Kinder auffällig (Kontaktangst, unangepasste Sozialverhalten erhöht)

Abnahme von hoher Belastung, spricht für 2-Phasen-Modell (Desorganisation/Reorganisation)

Sozial-emotionale Beziehung

Untersucht wurde auch wie sich die sozial-emotionale Beziehung bzgl. Vater und Mutter ändert:

  • Mutter normal → Kontinuierliche Bezugsperson, Mädchen enger an Mutter gebunden
  • Vater nicht mehr verfügbar → Vor allem bei jüngeren Kindern, Jungen seltener ablehnende Gefühle
Geschwister

Die Geschwisterbeziehung wird nach der Trennung intensiver.

  • Verschlechterungsthese → Verstärkte Rivalität um die Ressourcen der Eltern
  • Unterstützungshypothese → Geschwistersystem hat stützende Funktion

Phasenspezifische Gewichtung (Positiv zu Beginn, Aversiv im weiteren Verlauf)

Eherisiken

Risiken für eine Trennung sind vor allem (1) hohe Ansprüche an die Qualität der Beziehung und damit einhergehende (2) enttäuschte Erwartungen.

  • Emanzipations- und Dominanzprobleme
  • Individuelles Fehlverhalten
  • Neue Partnerschaften
Belastungen und Probleme
  • Männer → Alleinsein, Identitätsprobleme, Rollenprobleme, Finanzielle Probleme
  • Frauen → Organisatorische Probleme (Haushalt/Alltag), Erziehungsprobleme

Auf emotionaler Ebene:

  • Männer → Verzweiflung, Schuldgefühle, Hilflosigkeit
  • Frauen → Verzweiflung (frei und kraftvoll), Wut, Aggressivität
Bewältigungsversuche
  • Männer → Psychologische Beratung (19%), Neue Partnerschaft
  • Frauen → Psychologische Beratung (42%), Selbsthilfegruppen (20%)
Familienklima

Das Erleben der Familienmitglieder ändert sich bei einer Scheidung wie folgt:

Mütter:

  • Weniger Zusammenhalt
  • Höhere Konfliktneigung
  • Weniger Selbstständigkeit
  • Geringere Leistungsorientierung
  • Aktivere Freizeitgestaltung
  • Stärkere kulturelle Orientierung

Väter:

  • Weniger Zusammenhalt
  • Offenheit
  • Höhere Konfliktneigung
  • Größere Selbstständigkeit
  • Geringere Leistungsorientierung

Kinder:

  • Geringere innerfamiliäre Kontrolle
  • Gleichbleibendes Erleben von familiärem Zusammenhang → Konzept vollständiger Familie bewahrt (spätere Umstrukturierung)
Erziehungspraktiken
  • Erziehungspraktiken durch Eltern positiver eingeschätzt als kindliche Sichtweise
  • Negative Sanktionen von Kindern höher eingeschätzt als mütterliche Sichtweise
  • Ausmaß von Belohnung wird durch Väter überschätzt
Interaktionsbeobachtungen
  • Mutter-Tochter-Dyade → Emotional zugewandter, einfühlsamer, anregender, weniger kritisierend
  • Mutter-Sohn-Dyade → Mehr negativer Affekt, vermehrt Spannungen, mehr Distanz, weniger Zuhören/Verständnis

Bevorzugung des gleichgeschlechtlichen Kindes während Trennungszeit (Abbau mit der Zeit)

Diese Beobachtung entspricht dem Konzept des kollusiven Partnersubstituts. Andersgeschlechtliche Kinder führen zu Assoziationen an den Partner (Repräsentant). Dieser Umstand belastet das Verhältnis.

Umgangsrechtliche Praxis

Zunächst (1. Erhebung) überwiegt der wöchentliche Kontakt mit dem Vater. Später überwiegt dann der 14tägige Kontakt (2./3. Erhebung). Nur 5% sehen ihr Kinder weniger als 14tägig.

  • 70% der Väter mit Besuchsregelung zufrieden
  • Kontaktpflege zu Großeltern (väterlich)
  • 70% Besuche in der Wohnung der Mutter
  • 24-40% Unternehmungen mit alter Kernfamilie

Verlaufstypen

Cluster 1 - Hochbelastet
  • Verhaltensauffälligkeiten über gesamten Zeitraum
  • Negative Gefühle gegenüber Vater
  • Väter betrachten Trennung als falsch → Unzufrieden mit Sorgerecht
  • Große Entfernung Wohnort Kind/Vater
  • Mütter haben neuen Partner bereits bei erster Erhebung
  • Körperliche Bestrafung durch Mutter (häufiger)
  • Materieller Privilegienentzug durch Vater (häufiger)
Cluster 2 - Belastungsbewältiger
  • Starke Belastung zu Beginn
  • Kontinuierliche Abnahme der Verhaltensauffälligkeiten
  • Negative Gefühle gegenüber Vater
  • Positive Gefühle zu Geschwistern
  • Häufig gemeinsame Gespräche über Vater
  • Belohnung/Zuwendung durch Mutter
  • Gemeinsame Unternehmungen mit Mutter
Cluster 3 - Geringbelastung
  • Geringe Belastung zu Beginn (geringe Verwundbarkeit)
  • Positive Gefühle gegenüber Vater
  • Positive Gefühle zu Geschwistern
  • Mehr gemeinsame Mahlzeiten mit Mutter
  • Väter betrachten Trennung als richtig → Zufrieden mit Sorgerecht
  • Positive Eltern-Kind-Beziehung zu beiden Elternteilen
  • Wenig Ärger/Geringschätzung von Mutter
  • Höheres Durchschnittsalter der Kinder
  • Höheres Nettoeinkommen des Mutter-Haushaltes zu Beginn

Zusammenfassung

Risikofaktoren
  • Negativ erlebte Beziehung zum Vater
  • Ungelöste Probleme
  • Schlechter werdender Erziehungsstil
Protektive Faktoren
  • Positiv erlebte Beziehung zum Vater
  • Stabilität/Unterstützung der Mutter-Kind-Dyade
  • Konsens zwischen ehemaligen Partner

4. Erhebung

  • Verhaltensauffälligkeiten geringer
  • Verlaufstyp erhalten
  • Gegensätzliche Trends der Hochbelasteten → Verbesserung / Verhaltensauffälligkeiten
  • Abnahme der Kontakthäufigkeit mit Vater
  • Neue Partnerschaften wirken sich auf Familienkonzept aus

11.3. Charakteristiken des Mikrosystems Familie

Stabilisierung der Persönlichkeit

Eine Stabilisierung der Persönlichkeit kann durch den Übergang in soziale Beziehungen (Transitionen) entstehen. Ein Beispiel dafür ist der Eintritt in das Berufsleben:

  • Neue Beziehungen am Arbeitsplatz
  • Veränderte Beziehungen zu Freunden/Familie → (1) Neue Rollen/Verhaltensweisen, (2) Eigenes Bestreben der Anpassung

Stabilisierungsprozess

  • Normative Beziehungsveränderung → Einschränkung der Kontinuität/Ressourcencharakter durch Transition
  • Persönlichkeitsveränderung → Durch aktive Bemühung Ressourcen zu erhalten

Je nach Transition (normativ/nicht-normativ) kann es zu unterschiedlichen Entwicklungen kommen, wobei beide Arten in einer Beziehungsveränderung gleichzeitig vorhanden sind:

  • Normative Transition (Verhaltenssrikpte) führt zu Anpassung der Persönlichkeit an Vorgabe
  • Nicht-normative Transition (Amibiguität/Wahlfreiheit) führt stabiler Persönlichkeit durch Freiheit

Nicht-normative Transition führt zu regulativer Beziehungsveränderung, welche zu einer höheren Stabilität der Persönlichkeit führt.

 
uni-leipzig/psychologie/module/paedagogisch1/11.txt · Zuletzt geändert: 2012/09/20 19:24 (Externe Bearbeitung)
 
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