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7. Affektive Störungen

Allgemeine Symptome

Unterschiede der affektiven Störungen

  • Richtung → Depressiv, Manisch
  • Verlaufstyp → Einzelne Episode, Rezidivierende Störung
  • Schwankung → unipolar, bipolar
  • Dauer → Episodisch, Längerer Zeitraum

Symptome

  • Affektveränderung → Niedergeschlagen, Interessenlos, Gefühlslos, Abstumpfung, etc.
  • Kognitive Symptome → Selbstabwertung, Konzentrationsschwierigkeiten, negative Perspektive, etc.
  • Somatische Symptome → Schlafstörungen, Appetitverlust, etc.
  • Motorische Symptome → Verlangsamung, Agitiertheit

Kriterien

Kriterien nach ICD-10

1. Kernsymptome

Mind. 2 von 3:

  • Gedrückte Stimmung
  • Interessenverlust/Freudlos
  • Verminderter Antrieb
2. Zusatzsymptome
  • Verlust von Selbstvertrauen/Selbstwertgefühl
  • Selbstvorwürfe/Schuldgefühle
  • Verlust von Konzentration
  • Psychomotorische Hemmung/Unruhe
  • Schlafstörungen
  • Verminderter Appetit → Mit Gewichtsänderung
  • Suizidgedanken/Suizidhandlungen

Hauptkriterien für depressive Episode nach DSM-IV

Zusammengefasste Kriterien nach DSM-IV.

Mind. 1 von 2:

  • Depressive Verstimmung
  • Freudlosigkeit/Interessenverlust

Mindestens fünf von:

  • Depressive Verstimmung → Meiste Zeit des Tages
  • Freudlosigkeit/Interessenverlust → Meiste Aktivitäten
  • Appetitverlust → Auch Gewichtverlust
  • Schlaflosigkeit
  • Psychomotorische Unruhe/Hemmung
  • Müdigkeit/Energieverlust
  • Wertlosigkeitsgefühl/Schuldgefühle
  • Konzentrationsprobleme/Entscheidungsprobleme
  • Suizidgedanken/Suizidversuche

Spezifizierung nach DSM-IV

  • Melancholische Merkmale → Freudlosigkeit, Morgentief, Schlafstörung, Schuldgefühle, etc.
  • Atypische Merkmale → Aufhellbare Stimmung, Appetitszunahme, etc.
  • Psychotische Merkmale → stimmungskongruent (z.B. Schuldwahn) / stimmungsinkongruent (z.B. Halluzinationen)
  • Ohne komplette Remission zwischen Episoden → Risiko für häufigere MDE in Zukunft

Klassifikation

Manische Episode

Von einer manischen Episode wird gesprochen, wenn für mindestens 1 Woche anhaltende gehobene, expansive oder reizbare Stimmung vorliegt. Eine manische Episode führt zu einer deutlichen Beeinträchtigung in Beruf, sozialen Aktivitäten und Beziehungen.

Die manische Episode darf nicht auf Substanzen oder Medikamente zurückgeführt werden. Merkmale sind:

  • Übersteigertes Selbstwertgefühl
  • Größenideen
  • Vermindertes Schlafbedürfnis
  • Rededrang
  • Ideenflucht
  • Ablenkbarkeit
  • Psychomotorische Unruhe
  • Übermäßig angenehme Aktivitäten → Einkaufen, Sex, etc.
Hypomane Episoden

Hypomane Episoden sind den manischen Episoden sehr ähnlich. In diesem Fall gibt es jedoch eine geringere Beeinträchtigung. Im Fall einer hypomanen Episode ist eine stationäre Behandlung oft nicht nötig.

Depressive Episoden

Der Schweregrad einer depressiven Episode kann eingeordnet werden in Leicht, Mittel und Schwer. Es müssen Psychotische Symptome vorliegen, welche sich in (1) stimmungskongruenter oder (2) stimmungsinkongruenter Form äußern können.

Melancholische Merkmale

Melancholische Merkmale äußern sich in einer eher biologisch bedingten Depression, welche sich überwiegend in somatischen Symptomen äußert:

  • Morgentief
  • Appetitverlust/Gewichtsverlust
  • Libidoverlust
Atypische Merkmale

Atypische Merkmale äußern sich in einer entgegengesetzten Form, zu den typischen Merkmalen. Z.B.:

  • Appetitzunahme/Gewichtszunahme
  • Hypersomnie

Dysthymia

Als Dysthymia wird eine leichtere, dafür jedoch eher chronisch verlaufende Depression bezeichnet.

Symptome

Die Symptome müssen mind. 2 Jahre die meiste Zeit des Tages (mehr als die Hälfte der Tage) vorliegen.

  • Identisch zu depressiver Episode
  • Weniger ausgeprägt
  • Langjährige höhere Beeinträchtigung
  • Langjähriges Inanspruchnahmeverhalten
Double Depression

Als Double Depression wird eine Major Depression bezeichnet, welche auf eine Dysthymie folgt.

Manien

Psychotische Merkmale
  • 50% der manischen Patienten
  • Stimmungskongruente Wahnideen/Halluzinationen

Hypomanie

Die Hypomanie ist eine leichtere Ausprägung der Manie. Die Symptome sind abgeschwächt und die Beeinträchtigung geringer.

Bipolare affektive Störungen

Eine biploare affektive Störung ist eine Störung der Stimmung. Dabei treten (1) manische oder (2) hypomanische Episoden auf, welche im Wechsel mit (1) depressiven oder (2) gemischten Episoden vorkommen.

⇒ Bestimmendes Merkmal: Manische Episode

Formen
  • Bipolare I Störung → Manische Ausprägung auf hypomanischem Niveau (weniger Intensiv)
  • Bipolare II Störung → Manische Ausprägung auf manischem Niveau (stärker Intensiv)

Zyklothymien

Eine Zyklothymie ist eine (1) langanhaltende, aber ‚(2) abgeschwächte bipolare affektive Störung. Nach dem DSM-IV müssen innerhalb von 2 Jahren folgende Symptome auftreten:

  • Perioden mit hypomanischen Symptome
  • Perioden mit depressiven Symptomen

⇒ Sie erfüllen jedoch nicht die Kriterien eine Major Depression

→ Siehe Verlaufskurve in Vorlesung!

Klassifikation nach ICD/DSM

Die Bezeichnung zwischen ICD-10 und DSM-IV unterscheiden sich:

  • Depressive Episoden (F32) → Major Depression, einzelne Episoden
  • Rezidivierende depressive Störung (F33) → Major Depression, rezividierend
  • Manie (F30) → Bipolare I Störung
  • Bipolare affektive Störung (F31) → Bipolare II Störung
  • Zyklothymia (F34.0) → Zyklothyme Störung
  • Dysthymia (F34.1) → Dysthyme Störung

Medizinischer Krankheitsfaktor

Eine besondere Form der affektiven Störungen sind affektive Störungen aufgrund eines medizinischen Krankheitsfaktors. Z.B. die substanzinduzierte affektive Störung.

Weitere affektive Störungen

Weitere psychische Störungen nach ICD-10, bei denen das depressive Syndrom ein Kriterium ist:

  • F06.3 → Organische affektive Störungen
  • F20.4 → Postschizophrene Depression
  • F24 → Schizoaffektive Störung
  • F43.2 → Anpassungsstörungen (mit depressiven Merkmalen)

Epidemiologie

Rückfall und Rezidiv

  • Remission → Rückgang der Symptome auf annährend normales Niveau
  • Rückfall → Wiederauftreten der Symptome innerhalb von 4 - 6 Monaten
  • RezidivNeue Episode nach 4 - 6 Monaten

Prävalenz

  • Major Depression → 11,2% Frauen, 5,5% Männer
  • Dysthyme Störungen → 5,8% Frauen, 3,2% Männer
  • Bipolare Störungen → 1,1% Frauen, 0,6% Männer

⇒ Risikofaktoren für Depression am besten erforscht

Verlauf der Major Depression

  • Erneute Episode → Bei 50% - 60% erneut nach 1. MDE, 70% nach 2./3. MDE, 90% nach 3./4. MDE
  • Manische Episode → Bei 5% - 10% nach 1. MDE (innerhalb von 6 – 10 Jahren)
Studie

Untersucht wurden die Rückfallraten nach der 1. Depression:

  • 50% Remission innerhalb eines Jahres
  • 25% Rückfall innerhalb von 6 Monaten
  • 30% - 40% Rückfall innerhalb von 2 Jahren
  • 50% - 75% Rückfall innerhalb von 5 Jahren

Risikofaktoren

Häufigeres Auftreten einer Depression bei:

  • Frauen
  • Ledig → Unverheiratete, Geschieden, Verwitwet
  • Sozial isolierte Personen
  • Arbeitslos
  • Niedriger Sozioökonomischer Status → Niedriges Einkommen / Armut
  • Niedriger Bildungsstand
  • Ländliche Gebiete
  • Kranke/Behinderte → z.B. 15% stationär medizinische Patienten

Ätiologische Faktoren

  • Biologisch → Dysregulation von Neurotransmittern, neuroendokrine Veränderungen, Störung des circadianen Rhythmus
  • Genetisch → z.B. eineiige Zwillinge 50%
  • Psychosozial → Kritische Lebensereignisse/Stressfaktoren (vor allem bei erster Episode)
  • Psychologische Konstrukte → Verstärkerverlust, Erlernte Hilflosigkeit, Dysfunktionale Kognition

Verstärker-Verlust-Modell

Im Verstärker-Verlust-Modell wird davon ausgegangen, dass Verstärker nur noch vermindert vorliegen (Verringerte Frequenz von Verstärkung).

  • Wenig positive Verstärkung → Wenig Teilnahme an angenehmen Aktivitäten
  • Soziale Verstärkung nimmt ab → Angehörige ziehen sich nach eine gewissen Zeit zurück
Cole & Rehm

In einer Studie von Cole & Rehm (1986) konnte nachgewiesen werden, dass Mütter bei depressiven Kindern weniger positive Verstärkung geben, als bei nicht-depressiven Kindern.

Extinction Trail

Lazarus geht davon aus, dass depressive Personen sich in einem so genannten Extinction Trail befinden. Dabei wird davon ausgegangen, dass frühe Verstärker nicht mehr verfügbar sind. Dies wird ausgelöst durch Lebensereignisse, wie z.B. Tod eines Angehörigen, Arbeitsplatzverlust, Erkrankung, etc.

Ein Verhalten, welches Verstärkung hervorrief und ursprünglich gezeigt wurde kann nicht mehr gezeigt werden. Dies kann unter anderem auch dadurch hervorgerufen werden, dass ein Verstärkerverlust eintrat. Die Person gelangt damit in einen Teufelskreis.

Studienergebnisse

Viele Studien haben das Verhalten und Erleben von Depressiven untersucht. Dabei zeigten Depressive vor allem folgende Verhaltensweisen:

  • Weniger Freude an Ereignissen
  • Trauriger, ängstlicher, weniger Belohnungsfreude
  • Aufgaben mit anschließender Belohnung werden schlechter bearbeitet

Erlernte Hilflosigkeit

Vertiefende Informationen

Im Versuch zur Untersuchung der erlernten Hilflosigkeit wurden Hunde eine Box gegeben. Sie bekamen dort Elektroschocks, hatten jedoch die Möglichkeit diesen auszuweichen.

Eine Gruppe (1) von Hunden war vorher in einer anderen Box mit Elektroschocks ohne Ausweichmöglichkeit (Hilflosigkeitsbedingung). Sie lernten der Situation ausgesetzt zu sein. Die andere Gruppe (2) der Hunde lernte dieses Verhalten nicht.

Wurden die Hunde nun in die Box mit der Ausweichmöglichkeit gegeben, so lernte die zweite Gruppe (2) schnell auszuweichen, während die erste Gruppe (1) dazu tendierte den Elektroschocks ausgeliefert zu bleiben (ähnlich menschlicher Depression).

Interpretation

In der Hilflosigkeitsbedingung lernten die Hunde, dass die Schocks unabhängig von ihrem Verhalten stattfanden. Sie Erwarteten nun also, dass auch zukünftig Ereignisse unabhängig von ihrem Verhalten stattfinden. Sie nahmen ihr „Schicksal“ als unkontrollierbar war.

⇒ Generalisierung der Erfahrung führt zu emotionalen, motivationalen und kognitiven Defiziten

Beispiel am Mensch

Menschen, die ohne Vermeidungsmöglichkeit Lärm oder elektrischen Schlägen ausgesetzt wurden, konnten in Folge dessen einfache Probleme schlechter lösen, welche dabei geholfen hätten Lärm/Schocks zu vermeiden.

⇒ Lernprozess: Eigenes Verhalten ist nicht effektiv/wirksam

Probleme der Theorie

  • Zu Global → Persönliche/universelle Hilflosigkeit
  • Nicht hinreichend für depressiven Affekt
  • Verallgemeinerung → Depression/Umschriebene Hilflosigkeit
  • Dauer
  • Evtl. Unkontrollierbarkeit der Verhaltenskonsequenzen
Lösung

Ein wichtiger Aspekt ist die Kausalattribution, also die Zuschreibung von Gründen, warum Erfolg/Misserfolg eintritt. Depressive tendieren dazu (1) Misserfolge intern, stabil und global und (2) Erfolge extern, instabil und spezifisch zu attribuieren.

Niedriger Selbstwert als Folge des Attributionsstils

Seligmans Attributionsschemata

→ Siehe auch Attributionsmuster

Das Schema teilt sich ein, in die Dimensionen:

  • Intern → Stabil, Instabil
  • Extern → Stabil, Instabil

⇒ Die Bewertungen können (1) global (umfassend) oder (2) spezifisch sein

Beispiel

Bei nicht-bestehen einer Prüfung kann dies z.B. folgendermaßen attribuiert werden:

  • Intern, stabil, global → „Mir fehlt es an Intelligenz“
  • Extern, instabil, spezifisch → „Ich hatte Klausur Nr. 13“

→ Weiter Beispiele siehe Vorlesung!

Kognitive Theorie der Depression

Die kognitive Theorie der Depression geht auf Aarvon T. Beck zurück. Darin wird die Depression als eine Folge von negativer Interpretation der erlebten Ereignisse verstanden. Dazu gehören häufig automatische Gedanken oder Vorstellungen:

Kognitive Schemata steuern Wahrnehmung

Kognitive Triade

Als kognitive Triade wird eine negative Perspektive beschrieben. Diese bezieht sich auf:

  • Eigene Person
  • Umwelt
  • Zukunft

Logische Fehler

Es wird davon ausgegangen, dass durch die fehlerhafte Interpretation logische Fehler entstehen:

  • Willkürliche Schlussfolgerungen
  • Selektive Abstraktion
  • Übergeneralisierung
  • Magnifizierung oder Minimierung
  • Personalisierung
  • Absolutes/Dichotomes Denken

Belege

  • Fragebogenstudien → Höhere irrationale Einstellung / Fehlinterpretation
  • Experimente → Erinnern mehr negative Ereignisse, Äußern mehr unlogische Gedanken, etc.
  • Längsschnittstudien → Vorhersage Rezidive durch (1) niedrige Kontrollüberzeugung, (2) negative Zukunftserwartung, etc.

Kritik

Zwar ist die Korrelation zwischen einer fehlerhaften Interpretation und einer Depression gezeigt, über die Kausalität ist damit jedoch noch keine Aussage getroffen.

⇒ Depressive Stimmung erzeugt evtl. negative Kognition

Annahme Teufelskreis

Wahrscheinlich existiert ein Teufelskreis aus:

  • Negative Gedanken (Interpretation)
  • Depressiver Stimmung
  • Lebensereignisse
  • Abrufbarkeit negativer Informationen
Gegenargumente

Personen mit depressiver Stimmung haben eine realistischere Einschätzung, wohingegen nicht-depressive Personen eher eine etwas erhöhte positive Selbstwahrnehmung/Selbsttäuschung besitzen.

  • Realistischere Einschätzung bei Depression möglich
  • Nicht-bewusste kognitive Prozesse vernachlässigt
  • Depressionsende nicht erklärt
  • Soziale Umwelt vernachlässigt
  • Ungenaue Angaben zu kognitiven Schemata

Behandlungen affektiver Störungen

Die Behandlung affektiver Störungen ist relativ gut untersucht. Daher ist es Empfehlenswert sich bezüglich einer Therapie an den existierenden Leitlinien zur orientieren.

Medikamente

Auch der Einsatz diverser Medikamente ist möglich, hat jedoch das Problem, dass die Patienten bei Absetzen der Medikamente relativ schnell wieder einen Rückfall erleiden.

Wirksame Verfahren

Nachgewiesenermaßen wirksame Verfahren sind:

  • Kognitive Verhaltenstherapie
  • Interpersonelle Therapie
  • Psychodynamische Therapie
  • Gesprächspsychotherapie

Kognitiv-behaviorales Vorgehen

  • Informationsvermittlung
  • Aktivitätsaufbau
  • Kognitive Umstrukturierung
  • Trainings → Soziale Kompetenz, Kommunikation, etc.
 
uni-leipzig/psychologie/module/klinisch1/7.txt · Zuletzt geändert: 2012/08/02 00:39 von carlo
 
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