Diese Website ist inzwischen veraltet, wird nicht mehr gepflegt und wird voraussichtlich in einigen Monaten offline genommen. Wenn jemensch Interesse daran hat die Inhalte zu übernehmen und weiter zu pflegen, kotanktiert mich bitte über exploeco.de. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Inhalte eine Zukunft hätten. Ich stelle gerne alles Notwendige zur Verfügung und bin auch gerne bei der Einrichtung einer neuen Website oder eines neuen Wikis behilflich. Gerne kann auch ein ehemals gestarteter Ansatz reaktiviert werden, unter wiki.fsrpsy-leipzig.de.

5. Angststörungen III: Zwangsstörungen

Zwangsstörung

Kriterien der Zwangsstörung

Zusammengefasst und vereinfacht nach DSM-IV, indem sie den Angststörungen zugeordnet sind.

Zwangsgedanken

  • Wiederkehrende/Anhaltende Gedanken, Impulse oder Vorstellungen
  • Zwangsgedanken über reale Lebensprobleme hinaus
  • Gedanken werden ignoriert/unterdrückt/neutralisiert
  • Erkenntnis, dass Zwangsgedanken aus eigenem Geist kommt

Zwangshandlungen

  • Wiederkehrende Verhaltensweisen oder gedankliche Handlung → In Folge von Zwangsgedanken
  • Verhaltensweise dient der Vermeidung von Unwohlsein
  • Handlung hat keinen realisitischen Bezug oder ist deutlich übertrieben
  • Erkenntnis, dass Zwang Übertreibung/Unbegründet
  • Beeinträchtigung der Tagesroutine → Hohe Belastung oder Zeitaufwand
  • Keine Beschränkung auf andere Achse-I Störung
  • Keine körperliche Wirkung auf Substanz (Droge, Medikament, etc.)
Spezifizierung
  • Mit wenig Einsicht → Keine Einsicht über Übermäßigkeit/Unbegründetsein

Nach ICD-10

Zwangsstörung sind im Bereich F4 → Neurotische Belastungs- und somatoforme Störungen, genauer F42 → Zwangsstörungen.
Meist liegt F42.2 vor (Zwangsgedanken und Zwangshandlungen gemischt).

Differentialdiagnose

  • Psychose (Schizophrenie) → Externe Kräfte, Ich-Fremd, keine Einsicht, Widerstandslos
  • Organisch bedingte psychische Störungen → Mechanische einfache Qualität
  • Zwanghafte Persönlichkeitsstörung → Kein Gezwungensein, Andere Kriterien
  • Andere Störungen → Depressives Grübeln, Denken an Essen, Soziale Befürchtungen, Krankheitsängste

Inhaltsbereiche

  • Verunreiningung/Kontamination → Angst vor Kontakt mit gefährlichen Subtanzen
  • Physische Gewalt → Gegenüber sich oder andere
  • Tod → Zwangsgedanken an bekannte Menschen, wenn sie Tod wären
  • Zufälliges Unglück → Zufällige, ungewollte Unfälle (keine Kontamination, keine physische Gewalt)
  • Sozial inakzeptables Verhalten → Kontrolle Verlieren, Fluchen, Schreien, etc.
  • Sexualität → Inakzeptables Sexualverhalten
  • Religion → Blasphemische Gedanken, Religöse Zweifel
  • Ordnung → Ordnung nach bestimmten Wiederholung, Einhaltung von Mustern
  • Unsinn → Sinnlose Phrasen, Wört, Zahlenreihen

→ Beispiele siehe Vorlesung

Klinische Merkmale

Epidemiologie
  • Lebenszeitprävalenz → 2% - 3%
  • Erwachsene → Frauen = Männer
  • Jugendliche → Frauen < Männer
Schweregrad
  • Erhöht bei Alleinstehenden
Verlauf

Der Onset ist oft schon im Kindes- und Jugendalter.

  • 20 LJ (Männer 19 LJ, Frauen 22 LJ)
  • Zwei Drittel → Vor 25 LJ
  • Weniger als 15% → Nach 35 LJ
  • 50% - 70% Life Event als Auslöser → Schwangerschaft, sexuelle Probleme, etc.
  • Meist langandauernd
  • Schwankend oder konstanter Verlauf
  • Spontanverlauf → 20% - 30% deutliche Besserung, 40% - 50% mäßige Besserung, 20% - 40% gleich oder Verschlechterung
Komorbidität

Allgemein ist die Komorbidität sehr hoch.

  • Depression ~67%
  • Phobie ~25%
  • Oft Alkoholabhängigkeit (Selbstmedikation)
  • Spezifische Phobie
  • Panikstörung
  • Essstörung
  • Schizophrenie
Prädispoition
  • Zwanghafte Persönlichkeitsstörung liegt bei 15% - 35% der Patienten bereits vor
Prognose
  • Negative → Geringer Widerstand, Bizarre Zwänge, Depression, Wahnhafte Vorstellungen, Akzeptanz, Persönlichkeitsstörung
  • Positiv → Soziale und berufliche Anpassung, Episodischer Verlauf

Erklärungsmodelle

1. Biologisch

  • Genetisch
  • Fronto-striatale Hypothese
  • Serotonin-Hypothese

2. Lernpsychologisch

  • 2-Faktorentheorie (Mowrer & Miller)
  • Kognitives Modell (Salkovskis, 1989)

Neurobiologisches Modell

Es gibt Zusammenhänge zwischen neurologischen Erkrankungen und Auftreten von Zwangsstörungen. Zu den neurologischen Erkrankungen gehören:

  • Chorea minor Sydenham → Ifektiöse Ursache
  • Chorea Huntington
  • Gilles-de-la-Tourette Erkrankung
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Epilepsie
  • Geburtstrauma

Beteiligte Hirnstrukturen

  • Präfrontaler Kortex → Planung, Organisation, Kontrolle, etc.
  • Paralimbisches System → Integration von Informationen, Bewertung, Intensive Empfindungen
  • Basalganglien → Modulation der Motorik, Prozedurales Lernen, Motivationales
  • Thalamus → Modulation kortikale Erregung, Filter, Selektion („Tor zum Bewusstsein“)

Hauptsächlich beteilt bzw. mit den genannten Regionen verknüpft ist der Thalamus.

⇒ Störung äußert sich in Ungleichgewicht im frontostriatalen Schaltkreise (siehe Hypothese)!

Hypothese

  • Ungleichgewicht zwischen direkter und indirekter Schleife
  • Übermäßige Aktivierung thalamo-kortikaler Netzwerke (als Konsequenz)

Kortikostriatothalamokortikale Schleife

Als Kortikostriatothalamokortikale Schleife (CSTC) wird eine Verarbeitungsschleife im Gehirn bezeichnet. An dieser Schleife sind folgende Bereiche hintereinander aktiviert (letzteres aktiviert wieder das Erste):

  • Kortikale
  • Striato
  • Thalamo
Konsequenz eines Ungleichgewichtes

Veränderte CSTC Regelkreise führen zu einer (1) Überreaktion des Thalamus. Normalerweise (2) implizite Informationen werden bewusst. Das (3) paralymibische System vermittelt dabei Angst. Mit Hilfe der (4) Zwangshandlungen soll Überreaktion gemäßigt werden.

Zusammenfassung

  • Thamalisch-kortikale Übererregung → Überaktivität des orbitofrontalen Kortex (OFC) und des Thalamus
  • Paralimbisch → Angst
  • Kompensatorische Zwangshandlung → Mäßigende Wirkung auf gestörte CTSC-Schleife

→ Bilder zu den Hirnarealen siehe Vorlesung.

Kognitiv-lernpsychologisches Modell

Das kognitiv-lernpsychologische Modell nach Salkovskis geht davon aus, dass aufdringliche Gedanken zunächst normal sind.

Die Entstehung einer Zwangsstörung kann durch eine erhöhte Bedeutungszuschreibung gefördert werden. Wenn also die Bedeutung einer Handlung erhöht wahrgenommen wird (oder tatsächlich ist), dann erhöht dies die Intensität der aufdringlichen Gedanken.

Gleichzeitig kann auch das bei der Bedeutung entstehende Gefühl einen Einfluss nehmen. Geht mit dem aufdringlichen Gedanken und der Bedeutung ein sehr negatives Gefühl einher, so fördert das wiederum die Bedeutung.

Über eine Neutralisierung kann das Gefühl unterbunden werden. Je höher die Neutralisierung (in Form von Kontrolle, Rückversicherung → Zwangshandlung), desto besser wird das Gefühl kontrolliert.

Aufdringliche GedankenBedeutungGefühlNeutralisierung

⇒ Verdeutlichende Grafik siehe Vorlesung

Kognitive Techniken

Kognitive Techniken können auf der Bedeutungseben eingesetzt werden. Dabei kann über eine bewusste kognitive Verarbeitung die (meist künstlich überhöhte) Bedeutung reduziert werden.

Behaviorale Techniken

Behaviorale Techniken setzen am Ende der Kette, bei der Neutralisierung, ein. Dabei kann versucht werden die Zwangshandlung an sich über ein behaviorales Training zu reduzieren.

Exposition und Reaktionsverhinderung

Bei der Exposition und Reaktionsverhinderung (response prevention) wird der Patient zunächst mit einem (1) angstauslösendem Reiz konfrontiert, welche einen Zwang (Zwangsgedanken/Zwangshandlung) auslöst. Der Patient soll dann die (2) offene oder verdeckte Reaktion verhindern. Dabei führt der Therapeut die Handlung meist zunächst vor, da es den Patienten normalerweise zunächst schwer fällt die Zwangsgedanken bzw. die Zwangshandlung zu unterbinden.

Wichtig

Dabei ist es wichtig, dass der Therapeut dem Patienten gegenüber (1) Verständnisvoll ist und darauf achtet, dass die Durchführung (2) Regelkonform (Compliance) stattfindet.

⇒ Eine neutralisierende Handlung kann sonst sehr lange aufgeschoben werden

Normale Verhaltensweisen

Die Exposition und Reaktionsverhinderung verhindert jedoch nur den Zwang, normale Verhaltensweisen müssen anschließend zusätzlich geübt werden.

Wirkmechanismen

  • Habituation → Reduktion von Angst
  • Auseinandersetzung mit Emotionen
  • Bewältigungstechniken lernen → Umgang mit Angst

Medikamentöse Behandlung

Eine unterstützende Pharmakotherapie ist sinnvoll, sofern:

  • Schwere Zwangsgedanken
  • Ausgeprägte Depression
  • Allg. schwere Störung (vollständige Remission nicht zu erwarten)

Medikamente

  • Serotonin-spezifische Antidepressiva
  • Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) → Wirkung erst nach 6-8 Wochen

Heil- und Rückfallraten

Responserate
  • 60% - 80% sprechen auf Behandlung an
  • Symptome bessern sich bei 50%
Rückfallrate
  • 80% nach Absetzen der Medikamente

Medikamente rein stützend verwenden

 
uni-leipzig/psychologie/module/klinisch1/5.txt · Zuletzt geändert: 2012/08/01 22:55 (Externe Bearbeitung)
 
Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht:CC Attribution-Noncommercial-Share Alike 3.0 Unported
Recent changes RSS feed Donate Powered by PHP Valid XHTML 1.0 Valid CSS Driven by DokuWiki