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8. Angewandte Bindungsforschung: Fremdbetreuung unter 3

1. Was versteht man unter Bindung?
  • Hypothetisches Konstrukt
    • Neigung emotionale Bindung (1) aufzubauen und (2) aufrecht zu erhalten
  • Entwicklung
    • Erwerb in früher Kindheit
    • Stabilität/Veränderung im Lebenslauf
  • Konsequenzen für
    • Persönlichkeitsentwicklung
    • Psychische Gesundheit
2. Nennen Sie die Bindungsstile und erklären Sie das Kindesverhalten dabei kurz! Wie kann der Bindungsstil gemessen werden?
  • Sicher-balanciert → Bei Rückkehr freudig, suchen Körperkontakt (vertrauen auf Regulation der Mutter), Explorationsverhalten
  • Unsicher-vermeidend → Bei Rückkehr keine Kontaktaufnahme (emotionale Distanz von der Mutter)
  • Unsicher-ambivalent → Bei Rückkehr Ärger und ungewöhnliche Passivität, Kontaktsuchend & gleichzeitig widersetzend (Handlungen der Mutter sind für das Kind meist schwer zu deuten)
  • Desorganisiert → Bei Rückkehr verwirrt, deprimiert (Mutter als Bedrohung, bei Misshandlung)
  • ⇒ Messung mittels Fremde-Situations-Test (FST)
3. Wie erfolgt Emotionsregulation in der frühen Kindheit?
  • Durch Unterstützung von Bindungspersonen
4. Wann entstehen emotionale Störungen?
  • Durch Interaktion mit Bindungspersonen
    • Keine ausreichende emotionale Regulation
    • Emotionale Belastung durch Fehlregulation
5. Bilden sich Störungen bei Kindern alleine durch äußere Einwirkungen?
  • Auch ungünstige Wirkfaktoren können eine wichtige Rolle spielen
  • Diese können jedoch auch durch positive Einwirkungen kompensiert werden
6. Welche Untersuchungsmethoden gibt es, um die frühe Entwicklung von Störungen zu untersuchen?
  • Retrospektive Untersuchung erwachsener Personen
  • Längsschnittliche Untersuchung von Kindern
7. Wodurch sind psychische Störungen grob gekennzeichnet?
  • Normabweichung bzgl. Alter, Geschlecht, Erwartungen der Gesellschaft
  • Beeinträchtigung der Betroffenen durch persönliches Leiden, soziale Einengung, Behinderung der Entwicklung
8. Was besagt das Diathese-Stress-Modell?
  • Beeinträchtigte Entwicklung durch Risikofaktor + Umweltstressoren
  • ⇒ Risiko-/Schutzfaktoren + Umweltstressoren
9. Welche Bedeutung hat die frühe Eltern-Kind-Beziehung?
  • Einfluss auf weitere Entwicklung
    • Frühe Bindungserfahrung
    • → Interne Arbeitsmodelle
    • → Gefühl, Selbst, Beziehungen
    • → Problembewältigung
  • Einfluss auf Explorationsverhalten (Kontinuum)
    • Sichere Bindung → Sehr gut gelingende Exploration
    • Unsichere Bindung
    • Desorganisierte Bindung
    • Bindungsstörung → Nicht gelingende Exploration
10. Wodurch zeichnet sich ein desorganisierter Bindungsstil aus?
  • Widersprüchliches Verhalten → z.B. ausgestreckte Arme, gesenkter Kopf
  • Ungerichtete, fehlgerichtete, unvollständige, unterbrochene Bewegungen/Ausdrücke
  • Stereotypien, Asymmetrie von Bewegung/Ausdruck → Ungewöhnliche Körperhaltungen, zeitlich unabgestimmtes Verhalten
  • Eingefrorene, plötzlich erstarrende, verlangsamte Bewegungen/Ausdrücke
  • Direkte Ablehnung der Bezugsperson, Desorganisation, Desorientierung
11. Wie werden Bindungsstörungen klassifiziert?
  • ICD-10 → F90-F98 „Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“
  • F94.1 – Reaktive Bindungsstörungen im Kindesalter
    • (1) Störung beginnt vor dem 5. LJ., (2) Anhaltende Auffälligkeiten im sozialen Beziehungsmuster
    • Symptome: (1) Furchtsamkeit, (2) Übervorsichtigkeit, (3) Eingeschränkte soziale Interaktion mit Peers, (4) Aggressionen gegen sich selbst/andere, (5) Unglücklichsein, (6) Manchmal Wachstumsverzögerung
    • (1) Ansprechbarkeit mit Erwachsenem beobachtbar, (2) Reaktion auf Wechsel der Milieuverhältnisse
    • Wahrscheinlich Folge (1) elterlicher Vernachlässigung, (2) Missbrauch, (3) schwere Misshandlung
  • F94.2 – Bindungsstörung im Kindesalter mit Enthemmung
    • Störung beginnt vor dem 5. LJ.
    • Spezifisches abnormes soziales Funktionsmuster → Tendenz trotz Änderungen in Milieubedingungen zu persistieren
    • Diffuses nichtselektives Bindungsverhalten → z.B. bei Traurigkeit keine Trostsuche, wahllose Kontaktsuche
    • (1) Klammerverhalten, später auch (2) Aufmerksamkeit heischen, (3) wahllos freundliches Verhalten, (4) kaum modulierte Interaktion mit Gleichaltrigen
    • Eventuell emotionale Störungen / Verhaltensstörungen
12. Nennen Sie Prädiktoren für eine Bindungsstörung!
  • Soziale Deprivationserfahrung → Wechsel/Mangel an Interaktion mit Bezugsperson (keine klaren Erwartungen)
  • Mangelnde Fürsorge → Ausreichend Kontakt, Emotionsregulation mit Hilfe der Betreuungsperson wird nicht gelernt
13. Gibt es ein Interventionsprogramm für Bindungsstörungen?
  • Steep (Steps towards effective, enjoyable parenting)
  • Ausgangspunkt → Einige Kinder entwickeln sich trotz Risikofaktoren normativ (sichere Bindung zu mind. einer Person)
  • Zeitrahmen → Letztes Drittel der Schwangerschaft bis 2. Geburtstag
  • Zielgruppe → Hoch belastete Frauen
14. Wie wird in Steep vorgegangen?
  • Grundsätzlich
    • Verhaltensebene → Umgang mit Video aufnehmen, gemeinsames betrachten
    • Repräsentationsebene → Elterliche Arbeitsmodelle werden aufgespürt und thematisiert
    • Soziale Unterstützung → Für Eltern, z.B. Gruppenangebot
    • Beratende Beziehung → Bindungsmodelle ändern sich vorwiegend in bedeutsamen Beziehungen (Balance zw. Natürlichkeit/Zugewandtheit und Distanz/Reflektiertheit)
    • Information und Wissen → Falsche Überzeugungen ablegen (z.B. bzgl. Verwöhnen, Sprechen, etc.)
  • Schritte
    1. Feinfühligkeit optimieren
    2. Eigene Bindungsrepräsentationen reflektieren
    3. Soziale Unterstützung und Netzwerke aufbauen → Kontakte herstellen (z.B. zu Hilfsmöglichkeiten)
    4. Wissen vermitteln, angemessene Erwartungen aufbauen
  • Wichtig: Feinfühligkeit
    • Wahrnehmung der Befindlichkeit des Säugling
    • Richtige Interpretation der Äußerungen
    • Promote Reaktion
    • Vorhersehbarkeit/Angemessenheit der Reaktion
    • Eigene Pläne
15. Wie liegt Deutschland bei der externen Kinderbetreuung im Vergleich?
  • Eher niedrig → 7% > 30h, 11% < 29h
    • Polen weniger
    • England, Frankreich, Dänemark mehr
16. Welche Perspektiven gibt es beim "Streitthema" Kinderbetreuung?
  • Kindliche Perspektive → Bindung zu Mutter, Investitionsbereitschaft, Kognitive/Sprachliche Stimulation, Sozial-emotionale Erfahrung mit Peers, Außerfamiliäre Erwachsene
  • Elterliche Perspektive → Wirtschaftliche Notwendigkeit, Selbstverwirklichung
  • Sozialpolitische Perspektive → Arbeitsmarktpolitisch, Soziale Gerechtigkeit (Chancengleichheit, Bildungsauftrag)
17. Beurteilen Sie die Kinderbetreuung aus der Perspektive eines Kindes!
  • Erste Lebensmonate
    • Noch keine individuelle Bindung
    • Differenzierte personenbezogene Wahrnehmung
    • Versorgung an Säuglingsbedürfnissen orientiert → Prompt, Vorhersagbar, gut abgestimmt
    • ⇒ Trennung führt zu keiner spontanen Trennungsreaktion
    • ⇒ Aber: Negative Folgen, wenn (1) gewohnter Rhythmen, (2) vertrauter Versorgungsmodus ausbleibt
  • Zweites Lebensjahr
    • Angst vor fremden Menschen → Mit Beginn der Fortbewegung
    • Soziale Bezugnahme
    • Bindungsperson ist Ausgangspunkt/Fluchtpunkt → z.B. Ausgangspunkt für Exploration, Fluchtpunkt bei Angst
    • Geistige Vorstellung von vertrauten Personen/Gegenständen → Auch außerhalb des Wahrnehmungsfeldes
    • ⇒ Ungewollte Trennung führt zu Trennungsangst (inkl. physiologische Stressreaktion)
  • Weitere Kindheit
    • Kind lernt kleine Frustrationen/Trennungen auszuhalten
    • Durch Abmilderung starker neg. Gefühle werden diese erträglich
    • Angemessener Gefühlsausdruck durch Anleitung
    • Förderung der Explorationsfreude/Konzentration durch Angebote
    • Förderung der Selbstständigkeit durch Zurückhaltung
  • Keine abrupte Eingewöhnung!
  • ⇒ Art der Eingewöhnung entscheidet über Gelingen (z.B. Berliner Modell anwenden)
18. Welches Modell beschreibt wie Kinder an eine Krippe gewöhnt werden sollten? Wie sind die Phasen in diesem Modell?
  • ⇒ Berliner Modell
  • Grundphase → Erste 3 Tage
  • Erster Trennungsversuch → 4. Tag
    • Kürzere Eingewöhnung → ca. 6 Tage
    • Längere Eingewöhnung → ca. 2-3 Wochen
  • Stabilisierungsphase
  • Schlussphase
  • ⇒ Enthält Hinweise für Erzieher*innen, z.B. über Länger der Eingewöhnungszeit
19. Wie ist das bindungscharakteristisches Eingewöhnungsverhalten?
  • Nach Bindungstypen
    • Sicher
      → Anfangs verschlossen, ängstlich, irritierbar, häufiges Weinen, Abwehr
      → Zunehmend offener, weniger emotional belastet
    • Unsicher-vermeidend
      → Anfangs scheinbar angepasst, wenig emotional belastet
      → Zunehmendes Abseitsverhalten, Unkonzentriertheit, Schwierigkeit, eigene Gefühle, Kontakt aufzunehmen
    • Unsicher-ambivalent
      → Schwierige Eingewöhnung, Protestweinen
      → Keine/Kaum Beruhigung möglich
  • Internes Arbeitsmodell (Prozess)
    • Orientierung/Interpretation der neuen Situation → Kind überträgt Erfahrungen mit Bezugsperson auf neue Interaktionspartner
    • Gefahr differentiellen Verhaltens der Erzieher*innen → Verfestigung des internen Arbeitsmodells
    • Chance zur Verbesserung dysfunktionaler interner Arbeitsmodelle → Wenn vorher keine sichere Bindung möglich war
20. Was kann bei der Abschätzung der Länge der Krippeneingewöhnungszeit problematisch/schwierig sein?
  • Kinder, welche nicht viel Trennungsreaktion zeigen werden evtl. zu kurz eingewöhnt, obwohl längere Eingewöhnung nötig wäre
  • Doppelt benachteiligt:
    • Subtile Signale des Trennungsleidens werden nicht verstanden
    • Sicherheitsbasis geht früher verloren (als bei anderen)
21. Welche Faktoren sagen eine gute/schlechte Krippeneingewöhnung voraus?
  • Mütterliche Feinfühligkeit
  • Abruptheit der Eingewöhnung → Dauer der Eingewöhnung, Tägliches Maß der Steigerung der Dauer, Tägliche Reduzierung der mütterlichen Abwesenheit
22. Eine großangelegte Studie aus den USA suchte nach Ursachen für Verhaltensprobleme. Welche fanden sie?
  • Umgangsstil der Eltern hat größten Einfluss → Höherer Einfluss als außerfamiliäre Betreuung
  • Kombination von Risikofaktoren zu Hause / Einrichtung → Unsensibel zu Hause, Schlechte Tagesbetreuung, Viele Stunden in der Einrichtung, Mehr als eine außerfamiliäre Betreuung
  • Kompensation durch hochwertige Fremdbetreuung möglich
  • Je früher Kinder extern betreut werden, desto eher Verhaltensauffälligkeiten mit 12 Jahren
 
uni-leipzig/psychologie/module/entwicklung2/fragen/8.txt · Zuletzt geändert: 2013/08/04 14:05 von carlo
 
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