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11. Sterben, Tod und Trauer

1. Was versteht man unter Thanatologie?
  • ⇒ Multidisziplinär orientierte Wissenschaft des Sterbens, Todes und Trauerns
  • Grundlagenforschung
    • Entwicklung von Theorien zu Sterbe-/Trauerprozessen
    • Entwicklung reliabler/valider Messverfahren → z.B: Einstellungen ggü. Sterben/Tod und psychische Folgen der Sterbebegleitung
  • Anwendungen
    • Begleitung, Betreuung, Beratung → Sterbende, Trauernde
    • Death Education → Wissen/Kompetenz-Vermittlung im Bereich Sterben/Tod/Trauer
2. Differenzieren Sie die Begriffe Sterben und Tod und arbeiten Sie eventuelle Problematiken der Begriffe heraus!
  • Sterben
    • Klinisch-biologisch → Beginn: Erliegen lebenswichtiger Funktionsabläufe des Körpers, Ende: Wenn die letzte Zelle gestorben ist (absoluter Tod)
    • Psychologisch → Beginn: Wahrnehmung der Unabänderlichkeit des Schicksals
    • ⇒ Sterbephase als Heuristik zur Beschreibung des psychologischen Prozesses
  • Tod → Prozess und kein eindeutiger Zeitpunkt
    • Medizinische Definition → Hirntod, Irreversibles Fehlen aller Aktivitäten des Gehirns (Großhirn, Hirnstamm)
    • Psychologische Definition → Irreversibilität, Universalität (betrifft alle), Funktionsende
    • Problematisch → Grenzfälle, bei denen z.B. Herzschlag und Atmung trotz Hirntod noch vorhanden sind (Aktivität nur noch im Hirnstamm)
3. In welchen Schritten verläuft die Sterbephase (nach Kübler-Ross)?
  • Verleugnung → „Nicht wahrhaben wollen“
  • Wut/Zorn
  • Verhandeln
  • Depression
  • Akzeptanz/Zustimmung
  • Tod
4. Sind die Wünsche der meisten Menschen an die Todesumstände realistisch?
  • 90% wollen zu Hause sterben
  • 70% sterben in Krankenhäusern, Alten-/Pflegeheimen
  • 81% möchten schnell/plötzlich sterben
  • 95% sterben an Krankheiten (längerer Zeitraum des Sterbens)
5. Was sind die häufigsten Todesursachen? Gibt es altersspezifische Unterschiede?
  • Krankheiten
    • 43,4% → Krankheiten des Kreislaufsystems
    • 25,6% → Bösartige Neubildungen
    • 7,0% → Krankheiten des Atmungssystems
    • 5,1% → Krankheiten des Verdauungssystems
  • Altersspezifik (grob):
    • Bis ca. 25 Jahre → Überwiegend Unfall, Suizid, Tötung
    • Ab ca. 40 Jahren → Überwiegend Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs
  • ⇒ Ältere Menschen erleben Verlust/Eingeschränktheit von sich selbst/anderen häufiger
6. Was versteht man unter Trauer? Welche Dimensionen umfasst Trauer?
  • Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle getretenen Abstraktion (z.B. Vaterland, Freiheit, ein Ideal, etc.)
  • Weites Spektrum bewusster/unbewusster psychischer Prozesse
  • ⇒ Kurz: Auflösung der Bindung zu einer geliebten Person
  • Schmerzhafter Verlust eine nachstehenden Menschen
  • Primär emotionale Reaktion auf Verlust → Verzweiflung, Depression, Angst, Einsamkeit
  • Prozess der Trauer-Bewältigung
  • Kulturell-Spezifischer Ausdruck von Gedanken/Gefühlen
7. Welche Phasen treten bei der Trauer auf?
  • Benommenheit → Schock
  • Sehnsucht/Suchen
  • Desorganisation/Verzweiflung
  • Reorganisation
8. Was ist unter einer normativen Reaktion auf Trauer zu verstehen?
  • Affektive Reaktionen → z.B. starke Depression, Verzweiflung, Angst, Anhedonie, Einsamkeit, Schock, Taubheit
  • Kognitive Reaktionen → z.B. Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, gefühlte Anwesenheit des Verstorbenen, Selbstvorwürfe
  • Behaviorale Reaktionen → z.B. Agitieren, Rastlosigkeit, Erschöpfung, Weinen, sozialer Rückzug
  • Körperliche Reaktionen → z.B. Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, geschwächte Immunabwehr, körperliche Beschwerden (die denen des Verstorbenen ähneln)
  • ⇒ Was normativ ist, ist durch die Kultur/Gesellschaft bedingt
9. Nennen Sie drei verwandte Konzepte der Trauer!
  • Depression → Intensive Traurigkeit, Dysphorie, Verzweiflung
  • Angst → Angst zusammen zu brechen, Angst den Verstand zu verlieren, Angst selbst zu sterben
  • Einsamkeit → Fortdauernd oder ereignisbezogen
10. Was versteht man unter einer von der Norm abweichenden Trauer?
  • (1) Pathologische, (2) komplizierte oder (3) traumatisierte Trauerreaktionen weichen ab in:
    • Zeitverlauf
    • Intensität spezifischer/genereller Trauersymptome
  • ⇒ Was normativ ist, ist durch die Kultur/Gesellschaft bedingt
11. Welche Subtypen der Trauerreaktion können allgemein klassifiziert werden?
  • Abwesende/Verzögerte Trauer → Abwesenheit typischer Reaktionen oder späteres Auftreten
  • Normale Trauer → Reaktionen nach Verlustereignis, Normalisierung nach einiger Zeit
  • Depressive Symptome → Vorher depressive Symptome, Verbesserung nach Verlust
  • Chronische/Komplizierte Trauer → Lang anhaltend und intensiv
  • Chronische Depression → Depressive Symptome vor und nach Verlust
  • ⇒ Absteigend sortiert (häufigste Form oben)
12. Welche Prädiktoren gibt es für die Trauer?
  • Resilienz
    • Psychische Gesundheit
    • Hohe Partnerschaftsqualität
    • Instrumentelle Unterstützung
    • Gerechte-Welt-Glaube
    • Akzeptanz des Todes → Keine Suche nach Bedeutung
  • Chronische/Komplizierte Trauer
    • Gesunde/r Partner/in
    • Positive Partnerschaftsqualität
    • Große Abhängigkeit vom Partner
    • Zeitpunkt des Todes (jung/alt)
    • Plötzlichkeit des Todes (erwartet/unerwartet)
13. Kann Trauer diagnostiziert werden?
  • DSM-5 → Diagnose für „komplizierte Trauer“
  • Wenn Tod eines Angehörigen länger als 6 Monate zurückliegt
  • Symptom: „Sehnsucht nach dem Toten und Leiden unter dem unerfüllten Wunsch nach einem Wiedersehen.“
  • + weitere Symptome
14. Welche Risiken und Ressourcen gibt es bzgl. Trauer?
  • Risiken
    • Umstände des Todes → Timing (Plötzlich/Vorgewarnt), Emotionale Verbundenheit / Instrumentelle Abhängigkeit
    • Emotionale Belastung durch Pflege → Chronische Depression, Verantwortlichkeit, Körperliche Symptome, Kognitive Beeinträchtigung des zu pflegenden
    • Körperliche Vorerkrankung
  • Ressourcen
    • Soziale Netzwerke → Sozio-Emotionale Unterstützung, Finanzielle Unterstützung
    • Regulationsfähigkeiten → Flexibler Einsatz von instrumentellen/emotionszentrierten Strategien, Motivationaler Fokus auf Emotionsregulation (Positivitätseffekt)
    • Kulturelle Ressourcen → Übernahme von Rollen im Alltag, Trauerrituale, Erfahrungen
15. Wie steht es um die Ausbildungssituation für Sterbebegleiter?
  • Persönliche Voraussetzungen
    • Häufig keine/wenig persönliche Erfahrung
    • Angst vor körperlichem/seelischen Leid
    • Primat der Heilung
    • Bagatellisierender/Rationalisierender Gesprächsstil
  • Problem
    • Wenige gut evaluierte Programme (die im Curriculum implementiert sind)
    • Selten Übungen auf Verhaltensebene
    • Informationsvermittelnde Programm keine Wirkung auf emotionale Komponenten
  • ⇒ Death Education Programme (siehe nächste Frage)
16. Wie müsste ein gutes Programm aussehen?
  • Death Education Programme
    • Akquirierten Wissenstand der Thanatologie vermitteln
    • Gesellschaftliche Tabuisierung des Todes entgegenwirken
    • Informationsvermittelnde vs. Erfahrungsbasierte Intervention
  • 3 Säulen
    • Reflexion und ggf. Veränderung eigener Einstellungen ggü. Sterben/Tod
    • Erwerb von Kommunikationskompetenzen → Umgang mit Sterbenden/Angehörigen
    • Erwerb von Kompetenzen zur Belastungsbewältigung
17. Wie kann ein Kompetenzerwerb stattfinden? Welche Bedeutung hat Selbsterfahrung?
  • Selbsterfahrung = Klären des eigenen persönlichen Verhältnisses zum Thema
    • Reflexion eigener Erfahrungen mit Verlusterlebnissen → Anleitung durch Fragen
    • Reflexion eigener Gefühle mit filmischen Beispielen
    • Reflexion eigener Ressourcen → Auch Anregung zur Begleitung
    • Reflexion des eigenen Sterbens → Sterbemeditation
  • Kompetenzerwerb = Übernahme einer patientenzentrierten Kommunikationsweise
    • Wissensvermittlung/Übung patientenzentrierter Kommunikation
    • Wissensvermittlung/Übung aktiven Zuhörens
    • Rollenspiele
18. Welches sind die drei zentralen Elemente der Sterbebegleitung?
  • Positive Wertschätzung / Emotionale Wärme
  • Echtheit
  • Einfühlendes Verstehen
 
uni-leipzig/psychologie/module/entwicklung2/fragen/11.txt · Zuletzt geändert: 2013/08/04 14:08 (Externe Bearbeitung)
 
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