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7. Entwicklungsberatung

7.1. Aufgabe, Grundlage, Ziele

Aufgabe

„Die Förderung der intentionalen Selbstentwicklung unter Berücksichtigung kontextueller Möglichkeiten und Grenzen.“

  • Förderung intentionaler Selbstentwicklung
  • Berücksichtigung kontextueller Möglichkeiten/Grenzen

„Unterstützung bei der Auswahl und Verwirklichung von Zielen, dem Navigieren des Lebenslaufs in einem Feld von Möglichkeiten und Beschränkungen und dem Aufbau entsprechender Handlungs- und Entscheidungskompetenzen.“

  • Auswahl/Verwirklichung von Zielen
  • Im Feld von Möglichkeiten/Beschränkungen
  • Aufbau von Handlungs-/Entscheidungskompetenzen

Wissenschaftliche Grundlage

  • Entwicklungspsychologie der Lebensspanne → Erfolgreiche Entwicklung
  • Motivationstheorien → Zielsetzung, Zielverfolgung
  • Positive Psychologie → Kompetenzfokus

Anwendungsbereiche

  • Förderung der frühkindlichen Entwicklung
  • Förderung sozialer Kompetenzen in der Schule
  • Optimierung beruflicher Karriere
  • Beratung zum Übergang in Ruhestand
  • Prävention zum Erhalt kognitiver Leistung im Alter

Indikation

Entwicklungsberatung findet Anwendung bei:

  • Wendepunkte/Übergänge im Lebenslauf
  • Nicht normative kritische Lebensereignisse
  • Historische/Gesellschaftliche Ereignisse

⇒ Alle Situationen, in denen Überzeugungen/Ziele/Handlungsmuster auf neue Lebensumstände abgestimmt werden müssen

Historischer Wandel und Orientierungsbedürfnis

„sich an bisherigen Ankern […] zu orientieren, wird in Zeiten der Globalisierung und der Pluralisierung von Lebensformen zunehmend unsicher“ (Keup, 2004)

„Das Individuum wird in seiner Lebensführung die „Freiheit von etwas“ in eine „Freiheit zu etwas“ umformen müssen und kann sich in diesem Prozess des Festlegens nur begrenzt auf äußere Orientierungshilfen beziehen.“ (Gräser, 2007)

„Das größte Problem in modernen Gesellschaften ist nicht, dass die Lebensführung zu sehr gegängelt würde, sondern dass sie behandelt wird, als verstünde sie sich von selbst, so dass sie zu erlernen kein Gegenstand von Bildung und Erziehung ist“ (Schmid, 1998)

Aktuelle Herausforderungen sind:

  • Lebenslanges Lernen
  • Wissen über kürzere Halbwertszeiten (technischer Fortschritt)
  • Mehrere Berufskarrieren / Parallele Jobs
  • Familiengründung nicht selbstverständlich
  • Zunehmende Scheidungsraten
  • Multikulturelle Gesellschaft

Ziele

Entwicklungsberatung kommt dem grundlegenden Orientierungsbedürfnis von Individuen entgegen.“ Dem Individuum wird dabei eine aktive Rolle zugemutet.

Minimierung von Verlusten, Optimierung von Gewinnen

  1. Negative Affektivität reduzieren, Positive erhöhen
  2. Positive Emotionen kultivieren, Wert Negativer erkennen
  3. Lebensplanung zwischen Anpassung/Wachstum
  4. Probleme mittels hartnäckiger Zielverfolgung/Zielanpassung lösen

1. Positive/Negative Affektivität

  • Positive Affektivität → Glück, Angeregtheit, Begeisterung, Aktivität
  • Negative Affektivität → Niedergeschlagenheit, Ängstlichkeit, Aggressivität, Schuld

2. Positive Emotionen kultivieren

In der Broaden-and-Build Theory of Positive Emotions werden positive Emotionen nicht nur als Konsequenz oder Begleiterscheinung, sondern als Ressourcen betrachtet um eine positive Entwicklung zu fördern.

Positive Emotionen haben folgende Funktionen:

  • Erweitern momentanes Repertoire an Gedanken/Verhaltensweisen
  • Tragen zum Aufbau dauerhafter Ressourcen bei (gesundheitlich, sozial, intellektuell)
Studien: Induzierte Emotionen

Induzierte positive Emotionen fördern:

  • Kreatives Problemlösen
  • Kognitive Fähigkeiten
  • Verwendung von Heuristiken
  • Interesse an sozialen/sportlichen/freizeitlichen Aktivitäten
  • Zugehen auf Andere
  • Prosoziales Verhalten
  • Kooperation bei Konflikten

Induzierte negative Emotionen fördern:

  • Systematische/Datenorientiere Informationsverarbeitung
  • Risikovermeidung
  • Bewährte Strategien
Beispiel
  • Freude, Interesse, Zufriedenheit, Stolz, Liebe
  • → Bereitschaft zu spielen, Kreativ sein, Explorieren, Ausruhen, Integrieren, Planen
  • → Positive Entwicklung durch Aufbau dauerhafter sozialer/personaler Ressourcen
Wert negativer Emotionen

„Die vordergründige Empfehlung, sein Leben nach Gesichtspunkten der Maximierung positiver Gefühle zu führen, erscheint schon im Hinblick auf die adaptiven und handlungsregulativen Funktionen von negativen Emotionen fragwürdig […]. Negative Emotionen sind nicht nur Signale für Probleme in der Individuum-Umwelt-Beziehung; vielmehr motivieren sie Aktivitäten, die zur Beseitigung dieser Probleme beitragen“ Brandtstädter (2007)

3. Anpassung und Wachstum

Anpassung und Wachstum können als zwei gegenpolige Kräfte verstanden werden, die beide mehr oder weniger stark eine Rolle spielen.

Anpassung
  • Sicheres Leben
  • Achtung vor anderen
  • Regeln einhalten
  • Selbstkontinuität
Wachstum
  • Lebenseinsicht gewinnen
  • Vorbild für andere sein
  • Regeln hinterfragen
  • Selbsterweiterung
Altersentwicklung
  • Anpassung nimmt zu → Verträglichkeit, Pflichtbewusstsein, Entwicklungsaufgaben
  • Wachstum nimmt ab → Offenheit, Weisheit, Flexibilität

4. Zielverfolgung und Zielanpassung

Im Modell von Brandstädter wird von einer Diskrepanz zwischen Zielverfolgung und Zielanpassung ausgegangen.

  • Zielverfolgung → Konvergente/Zielfokussierte Informationsverarbeitung
    Überbetonung von Nutzen, Übermäßige Ressourcenbindung, Erschöpfung
  • Zielanpassung → Divergent-holistische Informationsverarbeitung
    Überbetonung von Kosten, Mangelnde Ausnutzung von Handlungsmöglichkeiten

Im Resultat d.h. in Abhängigkeit von der Stärke der Diskrepanz ergibt sich:

  • Wahrgenommene Kontrolle/Ressourcen
  • Substituierbarkeit von Zielen
  • Selbstkomplexität
Studie Altersentwicklung

Mit dem Alter ergibt sich folgende Entwicklung:

  • Sinkende hartnäckige Zielverfolgung → “… strenge ich mich umso mehr an.“, “…kämpfe ich für meine Ziele.“
  • Steigende flexible Zielverfolgung → “… mache ich das Beste daraus.“, “… passe ich mich relativ leicht an.“

7.2. Entwicklungsberatung und intentionale Selbstentwicklung

Prozess der Entwicklungsberatung

  • Selbstbeobachtung → „Wer bin ich?“, „Wie bin ich so geworden?“, „Was habe ich davon?“
  • Zielsetzung → „Was will ich werden?“, „Wohin will ich mich verändern?“
  • Zielverfolgung → „Wie kann ich mein Ziel erreichen?“
  • Evaluation/Rückblick → „Habe ich meine Ziele erreicht?“, „Was hat geholfen?“, „Was hat mich behindert?“

Selbstbeobachtung

Mechanismen inakkurater Selbstbeobachtung

Bei der Selbstbeobachtung gibt es einige Verzerrungen. Wichtige Verzerrungseffekte sind:

  • Positivitätseffekte/Affektoptimierung
  • Optimismus/Kontrollillusion
  • Selbstimmunisierung/Neubewertung

Spannungsfeld

  • Inakkurate Selbstbeobachtung (positive Realtitätsumdeutung) kann Handlungsdruck vermindern und korrigierendes Eingreifen verschieben
  • Akkurate Selbstbeobachtung kann ebenfalls Handlungsbereitschaft minimieren (z.B. Resignation, Depressivität)

Ziele

„Persönliche Ziele beruhen auf antizipierten Zuständen und Ereignissen, die für deine Person von individueller Bedeutung sind. Sie zeigen an, wonach eine Person in ihrer gegenwärtigen Lebenssituation strebt und was sie in Zukunft erreichen oder auch vermeiden will.“

  • Antizipierte Zustände/Ereignisse
  • Individuelle Bedeutung
  • Zeigt was erreicht/vermieden werden will

Komponenten

  • Kognitiv → Repräsentation des Zielzustandes/Ausgangszustandes/Strategien/Mittel
  • Affektiv → Anreize die im Handeln selbst (Ergebnissen/Folgen) begründet sind
  • Verhaltensbezogen → Konkrete Handlungsschritte, Koordinierte Ausführung

Zielverfolgung

Bei der Zielverfolgung sollte nicht nur das „Was“, sondern auch das „Wie“ geklärt werden.

  • Was will ich erreichen? → Familie gründen, Beruf wählen, Partner finden
  • Wie kann ich es erreichen? → (1) Abstrakte Ziele (Phantasien) in konkrete Pläne formulieren, Selbstregulative Strategien vermitteln/üben

Selbstregulative Strategien

  • Zeitmanagement → Beginn, Prioritäten, Abschluss, etc.
  • Ressourcenmanagement → Verfügbare Fähigkeiten, Hilfsmittel, etc.
  • Beziehungsmanagement → Unterstützung, Rücksicht, etc.
  • Emotionsmanagement → Umgang mit Frustration, Ängsten, etc.

Herausforderungen bei der Setzung/Verfolgung

Ziele haben bestimmte Eigenschaften:

  • Oft als Vermeidungsziel formuliert → Annährungsziele formulieren
  • Äquifinal → Mehrere Mittel zur Erreichung möglich
  • Multifinal → Ein Mittel kann mehreren Zielen dienen
  • Inkompatibilität → Ziele können untereinander inkompatibel sein (Prioritäten, Vereinbarkeiten prüfen)
  • Entgegen impliziter Hintergrundziele (Basale Motive) → Implizite Ziele können dem eigentlichen Ziel zuwiderlaufen

(Siehe auch Folie in Vorlesung mit Beispiel)

⇒ Die Aufgabe ist die (1) Differenzierung und (2) Integration (Verknüpfung von Teilzielen)

Erfassung von Zielen

Erfasst werden können Ziele aus einer Kombination aus einem (1) idiographischem und einem (2) nomothetischem Ansatz.

  • Idiographischer Ansatz → „Herausfinden allgemeingültiger Gesetze“
  • Nomothetischer Ansatz → „Analyse situativer (zeitlich/räumlich) Gegenstände“
Beispiel
  • Erfassung eines Ziels mit offenem Antwortformat
  • Beurteilung des Ziels anhand geschlossener Skala

Zieldimensionen

Zieldimensionen sind vor allem für die Erfassung wichtig. Folgende Dimensionen können genannt werden:

  • Zielbindung → Hohes/Geringes Engagement
  • Ressourceninvestition
  • Zielorientierung → Erreichen, Aufrechterhalten, Vermeiden
  • Zielfokus → Prozess/Ergebnis
  • Zielquelle → Intrinsisch/Extrinsisch
  • Selbstwirksamkeit

Primäre/Sekundäre Kontrolle

Die Zielverfolgung wird durch das Modell der primären und sekundären Kontrolle beschrieben.

  • Primäre Kontrolle → Veränderung der Umwelt gemäß persönlicher Ziele
  • Sekundäre Kontrolle → Anpassung persönlicher Ziele an die Umwelt
Primäre Kontrolle
  • Selektiv → Investition interner Ressourcen (z.B. Anstrengung, Fähigkeiten, Zeit)
  • Kompensatorisch → Investition externer Ressourcen (z.B. Hilfe, Rat, neue Mittel)
Sekundäre Kontrolle
  • Selektiv → Selbstregulation bzgl. einmal gesetzter Ziele (Subjektive Kontrolle, Positive Konsequenzen, Auf- und Abwertungsprozesse)
  • Kompensatorisch → Zielablösung, Selbst-protektive Mechanismen

Verfolgung von Entwicklungszielen

Das Verfolgen von Entwicklungszielen erfolgt in mehreren Schritten:

  • Abwägen → Rubikon (Intentionsbildung)
  • Planen und Handeln → Je nach Dringlichkeit (Entwicklungsfrist)
  • Bewertung → Erfolg/Misserfolg

(Siehe auch Grafik in Vorlesungsfolie)

Studien

Nach Trennungen tendieren junge Erwachsene eher zu einer primären Kontrolle (Erhöhte Verpflichtung für Ziel „Partnerschaft“), ältere Erwachsene eher zu sekundärer Kontrolle (Distanzierung vom Ziel „Partnerschaft“).

Kurz vor Überschreitung des gebärfähigen Alters kinderloser Frauen häufig primäre Kontrolle (Erhöhte Verpflichtung für Ziel „Kinder bekommen“), kinderlose Frauen außerhalb des gebärfähigen Alters sekundäre Kontrolle (Distanzierung vom Ziel „Kinder bekommen“).

7.3. Praxis der Entwicklungsberatung

  • „Übersetzen“ von Modellen → Anpassen an Problem des Klienten
  • Balance halten → Informationsvermittlung, Beratung, Emotionale Unterstützung
  • Im begrifflichen Rahmen des Klienten bleiben
  • Diskurs über Ziele/Mittel → Zielstrukturen gemeinsam erarbeiten, Teilaspekte integrieren
  • Narrative („erzählende“) Bedeutungsherstellung
 
uni-leipzig/psychologie/module/entwicklung2/7.txt · Zuletzt geändert: 2013/08/04 14:03 (Externe Bearbeitung)
 
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