Diese Website ist inzwischen veraltet, wird nicht mehr gepflegt und wird voraussichtlich in einigen Monaten offline genommen. Wenn jemensch Interesse daran hat die Inhalte zu übernehmen und weiter zu pflegen, kotanktiert mich bitte über exploeco.de. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Inhalte eine Zukunft hätten. Ich stelle gerne alles Notwendige zur Verfügung und bin auch gerne bei der Einrichtung einer neuen Website oder eines neuen Wikis behilflich. Gerne kann auch ein ehemals gestarteter Ansatz reaktiviert werden, unter wiki.fsrpsy-leipzig.de.

5. Partnerschaft und Entwicklung I

5.1. Partnerschaft als Entwicklungsaufgabe und -kontext

Entwicklungsaufgabe

“[…] eine Aufgabe, die zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben eines Individuums auftritt, deren erfolgreiche Bewältigung zu Zufriedenheit und zu Erfolg mit späteren Aufgaben führt, während Misserfolg zu Unzufriedenheit des Individuums, Missbilligung der Gesellschaft und Schwierigkeiten mit späteren Aufgaben führt.“

  • Aufgabe zu bestimmtem Zeitpunkt im Leben
  • Erfolgreiche Bewältigung → Zufriedenheit, Erfolg bei späteren Aufgaben
  • Keine erfolgreiche Bewältigung → Unzufriedenheit, Misserfolg bei späteren Aufgaben, Missbilligung der Gesellschaft

Junges Erwachsenenalter

Havighurst

Havighurst formuliert folgende Entwicklungsaufgaben für das junge Erwachsenenalter:

  • Lebenspartner finden
  • Zusammenleben mit dem Partner lernen
  • Kinder kriegen und aufziehen
  • Zuhause für die Kinder schaffen
  • Gemeinsamer Freundeskreises (zusammen mit Lebenspartner)
  • Berufseinstieg

Erickson

Nach Erikson besteht ist die Entwicklungskrise im jungen Erwachsenenalter:

  • Intimität vs. Isolation → Unabhängigkeit von anderen vs. Zugehörigkeit

⇒ Siehe auch Entwicklungskrisen nach Erikson

Identitätsbildung nach Erikson

Es besteht eine Syntese aus:

  • Systolischer Pol (Intimität) → Explorieren: Überzeugungen, Werte, Vorlieben, etc.
  • Diastolischer Pol (Isolation) → Grenzen: „Scheitern an der Realität“, sich „verbrauchen“, etc.

Über die Lebensspanne

  • Junges Erwachsenenalter → Partnerwahl, Partnerschaft etablieren, Familiengründung/Elternschaft
  • Mittleres Erwachsenenalter → Partnerschaft zw. Beruf/Familie, Kinder großziehen
  • Höheres Erwachsenenalter (Alter) → Sozioemotionale Selektivität/Partnerschaft, Umgang mit Alter (Verluste, Tod, Sterben des Partners), Soziale Unterstützung (Pflege)

Entwicklungskontext Partnerschaft

  • Unterstützung bei persönlichen Zielen / Entwicklungsaufgaben → z.B. Bildung, Karriere, Freizeit, etc.
  • Partnerschaftskompatible Entwicklungsziele
  • Neue Rollen → z.B. Ehefrau, Vater, Schwiegersohn
  • Quelle von Fürsorge/Bestätigung

Einfluss auf persönliche Entwicklung

  • Partnerschaft → Ressourcen und Beschränkungen
  • Persönliche Entwicklung → Eigenschaften, Werte, Ziele, etc.

(1) Partnerschaft und (2) persönliche Entwicklung stehen in Interaktion:

  • Partnerschaft bestimmt persönliche Entwicklung → z.B. neue Rolle als Ehemann (persönliche Reife)
  • Persönliche Entwicklung bestimmt Partnerschaft → Unterschiedliche Wahl von Partnern von emotional stabilen/instabilen Personen (auch andere Gestaltung der Beziehung)

5.2. Entwicklung als Partnerschaftsqualität

Lebenszufriedenheit

Personen, die zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrem Leben waren, waren:

  • 80% Verheiratet
  • 74% Alleinstehend
  • 71% Verwitwet
  • 66% Geschieden
  • 62% Getrennt lebend

Eheschließung und Lebenszufriedenheit

Es gibt keinen langfristigen positiven Effekte einer Eheschließung.

Ab zwei Jahren vor der Eheschließung nimmt die Lebenszufriedenheit stetig zu, während sie dann jedoch in den zwei Jahren nach der Eheschließung wieder auf das Normalniveau zurückfällt.

⇒ Exakter Verlauf: Siehe Folie in Vorlesung

Alltag

Verheiratete und Singeles verwenden unterschiedlich viel Zeit in unterschiedliche Alltags-Aktivitäten:

Aktivität Single Verheiratet
Alleine 28% 15%
Familie 17% 38%
Freunde 16% 3%
Haushaltspflichten 23% 31%
Freizeitaktivitäten 41% 35%

Verwitwung

Nach dem Tod eines Partners, sinken die Werte für (1) affektives Wohlbefinden und (2) Lebenszufriedenheit zunächst sehr stark, wobei Lebenszufriedenheit deutlich tiefer fällt.

Beide Werte erholen sich mit der Zeit, wobei auch hier Lebenszufriedenheit deutlich länger braucht (ca. 40 Monate).

Partnerschaftszufriedenheit

  • Partnerschaftsentstehung/Heirat wird als glücklichste Phase gewertet
  • Verringerung der Partnerschaftszufriedenheit in folgenden Jahren → Vermutlich im Kontext habitueller Befindlichkeit

Langfristige Beziehungen

Die Beziehungszufriedenheit ist auch abhängig vom Alter. Bei älteren Personen nimmt die Zufriedenheit weniger schnell ab.

⇒ Einheitlicher Befund: Es gibt keine normative Verbesserung

Probleme
  • Positive Selektion → Nur ungetrennte Paare bleiben in Stichprobe
  • Konfundierung → Alter/Beziehungsdauer
  • Abnahme bei Jüngeren evtl. oft wg. Elternschaft

Elternschaft

Beziehungsqualität (1) sinkt mit ersten Kind (über längsschnittlich zu erwartendes Maß) und (2) steigt kurzfristig nicht wieder an. Berichtet wird:

  • Weniger/konfliktreichere Kommunikation
  • Weniger gemeinsame Aktivitäten
  • Weniger erfüllte Sexualität
  • Weniger Gefühl verstanden zu werden

⇒ Zeit ohne Kinder ist glücklicher als Zeit mit Kindern

Retrospektive Bewertung

  • Retrospektiv positiver Einfluss von Kindern auf Partnerschaft
  • Elternschaft wird als eine der wichtigsten Erfahrungen/Leistungen beschrieben

Erklärung

Ein wichtiger Aspekt, der die Elternschaft als belastend für die Beziehung erleben lässt sind die Gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Alltagsbelastungen.

  • Alleinige Verantwortung für die Kinder
  • Längere Dauer der Verantwortung
  • Höhere Erwartung → Ansprüche der Eltern
  • Kinderlose Gesellschaft → Fehlende Kinderintegration

5.3. Modelle der Partnerschaftsentwicklung

Frühe Phasenmodelle

Frühere Pasenmodelle orientieren sich vor allem an (1) Entwicklungsaufgaben und (2) Entwicklungsübergängen. Dazu gehören z.B.:

  • Kennenlernen
  • Erstes Zusammenleben
  • Familienplanung
  • Elternschaft
  • Nachelterliche Phase
  • Tod eines Partners

Kritik

  • Normative Ewartung an Partnerschaft wird zutreffend beschrieben
  • Partnerschaftsdynamik hängt nur bedingt von normativen Übergängen ab
  • Keine Aussagen über psychologische Mechanismen

Prozessmodell & dynamisches Modell

Prozessmodell der Partnerschaftsentwicklung

Brandstädter & Felser (2003) entwickelten ein Prozessmodell der Partnerschaftsentwicklung bei dem viele Einflüsse in einen komplexen Zusammenhang gebracht werden. Einflüsse sind:

  • Partnermerkmale → Persönlichkeit, Lebensziele, Bindungsstile, Kompetenzen
  • Kontextfaktoren → Kritische Ereignisse, Soziales Umfeld, Materielle Ressourcen, Bildungschancen
  • Adaptive Ressourcen → Empathie, Attributionsstil, Konfliktmanagement
  • Partnerschaftsqualität
  • Trennungsbarrieren → Kinder, Stigmatisierung bei Scheidung, Moralische Skrupel
  • Partnerschaftsstabilität
  • Attraktivität von Alternativen → Alleinleben, Andere Partner, alternative Lebenspläne

⇒ Genaue Zusammenhänge: Siehe Folie in Vorlesung

Dynamisches Modell Partnerschaftsentwicklung

Dynamische Modelle der Partnerschaftsentwicklung gehen aus von einer Interaktion zwischen:

  • Partnerschaftsqualität
  • Partnerschaftsstabilität

Trennungsbarrieren

Außerdem werden die Trennungbarrieren in (1) interne und (2) externe Trennungsbarrieren unterteilt:

  • Externe Trennungsbarrieren: Materielle/Soziale Kosten
    → Stabile Partnerschaft trotz geringer Beziehungsqualität
  • Interne Trennungsbarrieren: Einstellung/Moralische Werte
    → Stabile Partnerschaft und potentiell hohe Beziehungsqualität

Historischer Vergleich

  • Externe Trennungsbarrieren heute gering
  • Scheidungsquoten steigen
Folgerung
  • Qualität der Beziehungen sollte heute höher sein
  • Gegenteil ist der Fall: Frühere Partnerschaften waren zufriedener
Erklärungsversuch
  • Anpassungsprozesse erschwert (Aufwertung des Partners und Abwertung von Alternativen)
  • Alternativen stärker, wenn Partner
  • Weniger Einlassen auf die Beziehung → Befürchtungen über Bindungsstärke des Partners (durch Messen der Beziehung an Alternativen)

5.4. Partnerwahl

Zentrale Annahme

Die zentrale Annahme ist, dass die Partnerwahl biologisch vorgeprägt ist, zur Optimierung der Fortpflanzung.

Daraus ergeben sich einige mögliche Kriterien zur Partnerwahl für Männer und Frauen. Einige dieser Kriterien lassen sich tatsächlich in Partnerschaftsannoncen finden.

Männliche Kriterien

Frauen sollten haben:

  • Jugend
  • Gesundheit
  • Physische Attraktivität
  • Sexuelle Unerfahrenheit
  • Sexuelle Treue
Weibliche Kriterien

Männer sollten ein Potential haben für:

  • Physische Sicherheit
  • Materielle Sicherheit

Studie Partnerschaftsannoncen

In einer Studie von Borkenau (1993) wurden 100 weibliche und 100 männliche Partneschaftsannoncen analysiert.

  • Frauen → Mehr Angaben über Aussehen, Wünschen öfter Status
  • Männer → Öfter Beschreibung des Status, Wünschen öfter Aussehen

Weitere Evidenzen

  • Für kurzfristige Beziehungen geringere Geschlechtsunterschiede
  • Sexuelle Unerfahrenheit in Nordeuropa eher bedeutungslos
  • Materielle Ressourcen steigern die Attraktivität (für beide Partner)
    → Vermittlung über angenommene Intelligenz/Zielstrebigkeit

⇒ Evolutionärer Ansatz nur grober Rahmen, Ergänzung durch psychologische/soziale Bedingungen nötig

Psychologische Perspektive

Nach der psychologischen Perspektive ist vor allem die Ähnlichkeit/Gemeinsamkeit („Gleich und gleich gesellt sich gern“) ein entscheidender Faktor:

Bereiche
  • Soziale Herkunft / Bildung
  • Intelligenz
  • Physische Eigenschaften → Attraktivität, Größe, Gewicht
  • Partnerschaftsbezogene Einstellungen → z.B. Kinder, Sex, etc.

⇒ Nicht aber Persönlichkeitseigenschaften!

Mechanismen

Gründe dafür, warum die Ähnlichkeit die Attraktivität fördert können folgende sein:

  • Vermeidung von Unähnlichkeit
  • Konkurrenz (auf dem „Partnermarkt“)
  • Erwartete Verträglichkeit/Unterstützung
  • Erwartete Selbstbestätigung
  • (Verfügbarkeit)
Beispiel Attraktivität
  • Bevorzugung attraktiver Partner
  • Bevorzugung (bzgl. Attraktivität) abhängig vom Selbstwert
    Weniger selbstbewusste Personen bevorzugen mittelmäßig attraktive Partner, Hoch selbstbewusste Personen bevorzugen hoch attraktive Partner
  • Attraktivitätsähnlichkeit → (1) Aus Bekanntschaft wird schneller Beziehung, (2) Beziehung ist dann stabiler (im Vergleich zu unähnlichen Beziehungen, in denen der Mann attraktiver ist)

⇒ Attraktivität wird angestrebt, aber nur in dem Grad, in dem durch eigene Ressourcen ein fairer Austausch angeboten werden kann

 
uni-leipzig/psychologie/module/entwicklung2/5.txt · Zuletzt geändert: 2013/08/04 14:01 von carlo
 
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