Diese Website ist inzwischen veraltet, wird nicht mehr gepflegt und wird voraussichtlich in einigen Monaten offline genommen. Wenn jemensch Interesse daran hat die Inhalte zu übernehmen und weiter zu pflegen, kotanktiert mich bitte über exploeco.de. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Inhalte eine Zukunft hätten. Ich stelle gerne alles Notwendige zur Verfügung und bin auch gerne bei der Einrichtung einer neuen Website oder eines neuen Wikis behilflich. Gerne kann auch ein ehemals gestarteter Ansatz reaktiviert werden, unter wiki.fsrpsy-leipzig.de.

4. Kognitive Entwicklung und Schule II

4.1. Bildungsstandards

Bundesweit einheitliche und verbindliche Kompetenz und Leistungsziele wurden durch die Kultusministerkonferenz im Oktober 1997 initiiert (Konstanzer Beschluss).

Anlass waren unterschiedliche internationale Vergleichsstudien (z.B. PISA, IGLU, TIMSS), welche aufzeigten, dass die Unterrichtsqualität in Deutschland verbessert werden müsse. Dabei sollte vor allem folgendes erreicht werden:

  • Höhere Eigenständigkeit der Schule
  • Verbindliche Standards
  • Regelmäßige Evaluation

Messung

Eine Gesamtstrategie zur Qualitätssicherung wurde 2007 durch die Kultusministerkonferenz verabschiedet.

Messung International

Mit Hilfe standardisierter Tests soll (1) Überprüfbarkeit und (2) Qualitätssicherung der Bildungsstandards gewährleistet werden.

  • Mathematik → Trends in Mathematics and Science Study (TIMSS), 4. Jahrgangsstufe (seit 2007)
  • Deutsch → Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU), 4. Jahgangsstufe (seit 2001)

Messung National

Mit Hilfe standardisierter Tests soll (1) Überprüfbarkeit gewährleistet und (2) Grundlage für Unterrichtsgestaltung hergestellt werden. Auf nationaler Ebene soll auch eine Konkretisierung stattfinden. Dabei werden Deutsch und Mathematik erfasst:

  • National → IGLU/PIRLS, 3. Jahrgangsstufe, alle 5 Jahre (seit 2011)
  • Regional → Vergleichsarbeiten (VERA), 3. Jahrgangsstufe, jährlich

4.2. Lesen lernen

Der Leseprozess ist sehr effizient. Dies zeigt sich vor allem an der möglichen Lesegeschwindigkeit. Ein Mensch kann bis zu 250-300 Wörter pro Minute produzieren. Das entspricht im Schnitt 200ms-300ms pro Wort.

Die Wörter werden sogar in einer kürzeren Zeit wahrgenommen, als zufällige Buchstabenkombinationen oder sogar Einzelbuchstaben.

  • Schnelle Wortproduktion → 250-300 Wörter/min
  • Kurze Wahrnehmungszeit bekannter Wörter

Phonologisches Schriftsystem

Ein Wort besteht aus mehreren Ebenen. Dabei werden Buchstaben Lauten zugeordnet bzw. Lauten Buchstaben zugeordnet.

  • Bedeutung
  • Laute → Gesprochene Sprache
  • Buchstaben → Geschriebene Sprache

⇒ Es gibt oft keine 1:1 Korrespondenz!

Beispiele: Buchstaben und Laute

Das Buchstaben und Laute oft nicht eindeutig zugeordnet, wird an Beispielen schnell deutlich:

Ein Laut, mehrere Schreibweisen
  • f → Film
  • v → Vogel
  • ph → Philipp
Eine Schreibweise, mehrere Laute
  • ch → Milch
  • ch → Loch
  • ch → Fuchs

Lesen Lernen

Das Lesen Lernen entwickelt sich in mehreren Stufen:

  • Stufe 0 (bis Einschulung) → Vorläuferfähigkeiten, z.B. Phonolgisches Bewusstsein (Indentifikation lautlicher Bestandteile)
  • Stufe 1 (1./2. Klasse) → Worterkennung (Buchstaben in Laute übersetzen, Buchstaben verbinden, Wörter buchstabieren)
  • Stufe 2 (2./3. Klasse) → Textverständnis (Flüssiges/Sinngebendes Lesen)
  • Stufe 3 (3./4. Klasse) → Umgehen/Nutzen mit/von Texten (Lesen zum lernen nutzen können)

Stufe 0: Vorläuferfähigkeiten

  • Erwerb von Grundinformationen
  • Buchstaben des ABC lernen
  • Phonologisches Bewusstsein
1. Erwerb von Grundinformationen
  • Lese-Schreib-Richtung (deutsch: von links nach rechts)
  • Wort/Satzgrenzen
  • Zeilenfolge
2. Buchstaben des ABC
  • Korrelation mit späterer Leseleistung
  • Keine kausale Beziehung

⇒ Buchstabentraining erhöht Leseleistung nicht

3. Phonologisches Bewusstsein
  • Korrelation mir späterer Leseleistung
  • Wahrscheinlich kausale Beziehung

⇒ Training erhöht Leseleistung

Hintergrund: Phonologisches Bewusstsein

Das phonologische Bewusstsein bezeichnet die Fähigkeit die lautliche Struktur von Wörtern zu identifizieren. Das phonologische Bewusstsein wirkt sich positiv auf die Lese- und Schreibfähigkeit aus.

⇒ Z.B. können 3-jährige, die Kinderreime kennen später besser Lesen und Schreiben.

Interventionsprogramme
  • Lauschspiel → Aufmerksam zuhören
  • Sätze und Wörter → Sätze bestehen aus Wörtern
  • Reime → Reime erkennen/produzieren („Reimt sich Maus/Haus?“, „Was klingt wie Maus?“)
  • Analyse/Synthese von Silben → Silben trennen/zählen („Wie (oft) klatscht man bei Kindergarten?“)
  • Identifikation von Phonemen → Phoneme dehnen/isolieren („Nnnn-adel!“, „Reise-Eise oder Ohr-Rohr“)
Wirkung

Interventionsprogramme für das phonologische Bewusstsein haben zwei Effekte:

  • Wirkt sich bei normal entwickelten Kindern langfristig auf Spracherwerb aus
  • „Risikokinder“ lernen normal lesen und schreiben

Stufe 1: Worterkennung

Die Worterkennung bezeichnet die Fähigkeit Buchstaben in Laute zu übersetzen und diese zu Wörtern zu verbinden. Dabei können zwei Prozesse eine Rolle spielen:

  • Phonologische Rekodierung → Schriftliche/Visuelle Form in phonologische Form, Zugriff von phonologischer Form auf Bedeutung
  • Direkt visuell gestützter Abruf → Schriftlich/Visuelle Form direkt Zugriff auf Bedeutung

Phonologische Rekodierung vs. direkter Abruf

  • Schon kleine Kinder wählen effizienteste Strategie
  • Zu Beginn bevorzugt phonologische Rekodierung (später Verstärkt direkt)
  • Schwere/Seltene Wörter auch später noch phonologisch
  • Lesen trainiert direkten Abruf
  • Positive Korrelation zw. Fähigkeit zur Rekodierung und direktem Abruf
    → Wer gut rekodiert, hört schnell damit auf

Stufe 2: Textverständnis

Das Textverständnis beinhaltet:

  • Mentales Modell der Situation
  • Fortlaufende Aktualisierung → Bei neuen Informationen

Ein Zuwachs des Textverständnisses kann erreicht werden durch:

  • Grundlegende Fähigkeiten → Je weniger Ressourcen für Erkennung nötig, desto mehr Ressourcen für das Verstehen übrig
  • Strategien → Unterscheidung wichtiger/unwichtiger Textstellen („Was will ich wissen? Wozu lese ich einen Text?“)
  • Metakognition → Verständniskontrolle („Habe ich alles verstanden?“)
  • Inhaltswissen („Gladbacher Fohlen schlagen die roten Teufel“)

Einflüsse auf Textverständnis

Zwei zentrale Einflüsse wirken auf das Textverständnis:

  • Selbst lesen
  • Vorgelesen bekommen
Wirkung von Vorlesen

In einer Studie in Mexiko wurden 2-jährigen Kindern 6 Wochen lang täglich von einem Studierenden vorgelesen. Bei den Kindern (1) vergrößerte sich der Wortschatz und der (2) Sprachgebrauch verbesserte sich.

Gründe für die Wirkung
  • Kinder lernen Geschichtenaufbau
  • Geschichten beinhalten grammatisch komplexe Sätze
  • Spaß am Lesen entwickelt Interesse

Stufe 3: Umgang/Nutzen mit/von Texten

Schüler, welche Texte gut Nutzen können bzw. gut mit Texten umgehen können, haben folgende Fähigkeiten (Standards nach 4. Jahrgangsstufe):

  • Altersangemessene Texte können flüssig/sinngebend gelesen werden
  • Text kann in eigenen Worten wiedergegeben werden (mit Hilfe von Stichwörtern)
  • Unverstandenes wird durch nachfragen/nachschlagen/nachdenken geklärt
  • Fragen bzgl. Text können gestellt werden
  • Text können gezielt Informationen entnommen werden
  • Schlussfolgerungen können gezogen werden
  • Gedanken/Meinungen zum Text werden geäußert/ausgetauscht (mündlich/schriftlich)
  • Textauswahl nach eigenen Interessen (Kennen Autoren, Nutzen Bibliotheken, etc.)

4.3. Schreiben lernen

Vorläuferfähigkeiten des Schreibens

  • Wörter stehen in einer Reihe
  • Schrift geht von links nach rechts (deutsch)
  • Schrift ist symbolisch (Zeichen haben eine Bedeutung)

Ziele

Beim Schreiben-Lernen kann zwischen zwei Ziele unterschieden werden:

  • Low-Level-ZieleZiele auf niedriger Hierarchieebene
  • High-Level-ZieleZiele auf höherer Hierarchieebene

Low-Level-Ziele

  • Buchstaben richtig schreiben
  • Rechtschreibung
  • Groß- und Kleinschreibung
  • Zeichensetzung

High-Level-Ziele

  • Aussagen auch ohne Intonation/Gestik verständlich machen
  • Einzelne Punkte zu einem Ganzen ordnen (Kohärente Geschichte erzählen)
  • Nötige Hintergrundinformationen geben

Zuwachs der Schreibfähigkeit

Auch beim Schreiben-Lernen kann ein Zuwachs der Schreibfähigkeit durch mehrere Komponenten erklärt werden:

  • Grundlegende Fähigkeiten → Je automatisierter Low-Level-Fertigkeiten, desto mehr Ressourcen für High-Level-Fertigkeiten übrig
  • Strategien → Gliederung der Schreibaufgabe (z.B. Inhaltsverzeichnis)
  • Metakognition → Vorwissen des Lesers beachten (Planung)
  • Inhaltswissen → „Schreibe über das, was du kennst“

Standards

Schüler, welche gut schreiben können, haben folgende Fähigkeiten (Standards nach 4. Jahgangsstufe):

  • Wörter des Übergangswortschatzes werden richtig geschrieben
  • Eigene Texte werden überwiegend richtig geschrieben
  • Satzbezogene Regeln werden beachtet (Nutzung von Rechtsschreibstrategien, Arbeitstechniken, Rechtschreibehilfen)
  • Texte werden anhand vereinbarter Kriterien bewertet (Texte lesbar, situations- und adressatengerecht)
  • Verwenden Computer zum Schreiben/Textgestaltung
  • Nutzen Planungsschritte
  • Nutzen Schreibanlässe (haben Schreibvorlieben, machen Themenvorschläge zum Schreiben)

4.4. Rechnen lernen

  • 6 Monate → Diskriminierung kleiner Mengen
  • 1 Jahr → Analoges, Approximatives Größenrepräsentationssystem
  • 4 Jahre → Frühe Rechenstrategien
  • Verstehen mathematischer Begriffe

Kognitiver Vorläufer mathematischen Denkens

Diskriminierung kleiner Mengen

Bereits ab dem Alter von 6 Monaten können kleine Mengen (<4) diskriminiert werden. Dies kann in Habituationsstudien untersucht werden.

Analoges, Approximatives Größenrepräsentationssystem

Das analoge approximative Größenrepräsentationssystem entwickelt sich bein Säuglingen im 1. Jahr. Dabei können Säuglinge bereits größere Mengenunterschiede, jedoch mit großem Unterschied (z.B. 8 vs. 16, aber nicht 8 vs. 12) erkennen.

Ab 3-4 Jahren können dann auch ähnlichere und große Mengen unterschieden werden.

⇒ Siehe auch Grafiken in Vorlesungsfolien

Frühe Rechenstrategien

Frühe Rechenstrategien entwickeln sich ab 4 Jahren. Dazu gehört z.B. das Hochzählen ab 1 mit den Fingern. Pro Objekt wird ein Finger verwendet (1:1 Verhältnis).

Die Lösungen von häufigen Aufgaben werden dabei auswendig gelernt.

Ab 1. Klasse

Ab der ersten Klasse können dann auch komplexere Rechnungen vorgenommen werden:

  • Zählen vom größeren Summanden austex:9+3 \to 9, 10, 11, 12 \Rightarrow 12
  • Zerlegungtex:3+9 \to 3+10=13 \to 13-1=12
  • Multiplikation in Addition umwandelntex:3 \cdot 4 \to 4+4+4 = 12

Verstehen mathematischer Begriffe

Beispiel: Mathematische Gleichheit

Die mathematische Gleicheit bezeichnet das Konzept, dass die Werte auf beiden Seiten des Gleichheitszeichens im Ergebnis gleich sein müssen.

  • Auswendiglernen von Lösungen/Verfahren führt zu Schwierigkeiten bei Variation
  • Kinder verstehen “=“ zum Zusammenzählen von Zahlen vor dem Zeichen

Unterricht sollte Kindern v.a. Grundbegriffe verständlich machen

  • tex:3+4 = 7
  • tex:3+4 = ?+5
  • tex:3+4 \ne 7+5

⇒ Typisches Verfahren wird auf Aufgabe ausgedehnt, in der es nicht anwendbar ist (Platzhalteraufgabe)

Aufgabenanalyse: Schriftliche Subtraktion

  • Von rechts nach links
  • Obere Ziffer um untere Ziffer vermindern
  • Einstellige Zahlen subtrahieren
  • Prinzip: „Borgen“ und Übertragen → Wie borgt man von einer Null?
 
uni-leipzig/psychologie/module/entwicklung2/4.txt · Zuletzt geändert: 2013/08/04 14:00 (Externe Bearbeitung)
 
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