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2. Bullying und Gewalt in der Schule

2.1. Definition

„Ein Schüler wird viktimisiert, wenn er oder sie (1) wiederholt und (2) über längere Zeit negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler ausgesetzt ist.“ (Olweus, 1991)

⇒ Einer Person wird anhaltend Schaden zugefügt

Bullying und Mobbing

  • Mobbing (Mob = „Pöbel“) bezieht sich auf Erwachsene im Arbeitskontext
  • Bullying (Bully = „brutaler Kerl“) bezieht sich auf Kinder/Jugendliche im Schulkontext

⇒ Mobbing („Mob“) impliziert oft Gruppe von Personen, was bei Bullying nicht unbedingt auftreten muss

Bullying und Aggression

Aggression kann als eine notwendige Komponente des Bullying betrachtet werden. Bullying an sich, beinhaltet jedoch weitaus mehr Aspekete, als nur Aggression. Außerdem liegt nicht in allen aggressiven Situationen Bullying vor!

„Bullying ist der Missbrauch von sozialer Macht auf Basis (1) systematischer und (2) wiederholter Attacken gegen Schwächere.“

Kein Bullying

Nicht als Bullying bezeichnet wird:

  • Kurzfristiger Konflikt
  • Unsystematische Aggression
  • Spezifischer Konflikt zwischen Gleichstarken
Entwicklung
  • Frühe Kindheit: Instrumentelle Aggression
  • Spätere Kindheit: Beziehungsaggression

Kollektiver Prozess

Bei Bullying handelt es sich um einen kollektiven Prozess. Dabei identifizieren Bullies potentiell schwächere Personen, um ihre Macht in der Klasse zu stärken.

Dies tritt allgemein in gefügten Gruppen, innerhalb fest strukturierter Systeme (z.B. Schule, Militär, Haftanstalt, Arbeitskontext) auf. Aus diesen Gruppen ist ein entkommen meist nur erschwert oder gar nicht möglich.

  • Bullies stärken ihre Macht in Gruppe
  • Gefügte Gruppen, fest strukturierte Systeme
  • Entkommen erschwert/unmöglich

2.2. Bulllying als eine Form der Gewalt an Schulen

Formen des Bullying

Bullying kann unterschieden werden zwischen:

  • Physisch → Körperliche Übergriffe (z.B. Schubsen, Treten, Schlagen)
  • Verbal → Verletzende Worte (z.B. Hänseln, Spotten, Beleidigen, Beschimpfen)
  • Relational(1) Direkt (z.B. Ausschluss aus Spielsituation), (2) Indirekt (z.B. „Lästern“ bei anderen)

Neue Form: Cyberbullying

Beim Cyberbullying werden moderne Kommunikationsmittel verwendet (z.B. Handy, E-Mail, Website, Communities, etc.).

Unterschiede liegen in:

  • Bullying an jedem Ort
  • Zugang zu breiter Öffentlichkeit
  • Lässt sich oft nur schwer beheben/entfernen
Fakten
  • 15% der Jugendlichen verbreiteten mind. 1 mal peinliche/beleidigende Bilder/Videos im Internet
  • 24% der Internetnutzer kennen Opfer von Cyberbullying
    z.B. Bilder, Lügen/Verleugnung, Fake-Accounts

⇒ Cyberbullying kommt mit steigendem (1) Alter häufiger vor und ist abhängig von der (2) Bildungsschicht (Hauptschulen doppelt so häufig wie Gymnasium)

Geschlechtsunterschiede

  • Direkte Gewalt (Physisch/Verbal) → Jungen häufiger
  • Indirekte Gewalt (Relational) → Mädchen häufiger

Grundzüge des Bullying

  • Erniedrigung
  • Hilflosigkeit/Kontrollverlust
  • Passivität
  • Dominanz/Spaß
Erniedrigung

Bullies erniedrigen ihre Opfer:

  • Abwertung/Isolation/Stigmatisierung
  • Annahme der Opferrolle (Selbst-/Fremdwahrnehmung)
  • Negatives Selbstkonzept → Teufelskreis
Hilflosigkeit/Kontrollverlust

Das Opfer empfindet Hilflosigkeit und Kontrollverlust:

  • Wissen über ständige Bedrohung → Art/Zeitpunkt unbekannt
  • Chronische Stressituation → tlws. gesundheitliche Folgen (z.B. Depression, körperliche Folgen)
Passivität

Opfer und Außenstehende verhalten sich passiv:

  • Opfer → Scham, Angst vor Eskalation, Vergeltung, Rache
  • Mitschüler, Lehrer, Eltern → Schweigen, Bagatellisierung, Überforderung
Dominanz/Spaß

Bullies empfinden Dominanz und Spaß:

  • Machtdemonstration, Statusgewinn, Spaß auf Kosten des Opfers
  • Keine Bestrafung, Erfolgserlebnis

Opferpersönlichkeit

Es kann davon ausgegangen werden, dass es keine Opferpersönlichkeit gibt. Vielmehr bekommt das Opfer eine Rolle zugeteilt, die die Basis für Viktimisierung bietet.

Beschreibung durch Täter

Opfer sind „die, die sich nicht wehren, nicht stark sind und die sich zu sehr fürchten, dem Lehrer oder jemand anderem davon zu erzählen.“ (Lowenstein, 1995, S. 29)

Beschreibung durch Opfer

„das Problem ist nicht, dass andere dir gegenüber aggressiv sind, oder einem die Fähigkeiten fehlen, sich angemessen zu wehren: das Problem ist, dass man […] eine Rolle zugeteilt bekommt, die zugleich die Basis für mehr und mehr Viktimisierung darstellt.“ (Lagerspetz, 1982, S. 45)

Konsequenzen

Für das Opfer gibt es neben der direkten Gewalt und dem direkten Ausschluss einige weitere Konsequenzen:

  • Niedriges Selbstwertgefühl
  • Zurückgezogenheit → Anzeichen sozialer Ängstlichkeit
  • Depressivität
  • Leistungsabfall → Unlust in die Schule zu gehen
  • Körperliche Symptome → z.B. Kopfschmerzen, Bauchweh
  • Stresssymptome → z.B. Schlafstörungen, Einnässen, Nägelkauen
  • Verletzungen → z.B. Prellungen, Schnitte, Schürfwunden
  • Verlust von Gegenständen → z.B. Schulsachen, Kleidung
  • Soziale Isolation → Keine Einladungen, keine Kontakte

Rollen

  • Täter (Bullies) → Aktiv, Initiativ, Führungsorientiert
  • Helfer (Assistants) → Aktiv (z.B. festhalten), Nachahmer
  • Anstachler (Reinforcers) → Anstacheln der Täter (z.B. klatschen, jubeln, etc.)
  • Außenstehende (Outsider) → Neutral (z.B. „nichts tun“, „sich raushalten“, „sich zurückziehen“)
  • Verteidiger (Defenders) → Opfer unterstützen, trösten
  • Opfer (Victim)

Messung

Erfasst werden können die Rollen mit Hilfe des PRQ (Participant Role Questionnaire).

⇒ Opferrolle, sobald Kind von mind. 30% der gleichgeschlechtlichen Mitschüler als Opfer identifiziert wird

Studie

In einer Studie wurden die Rollen von 11-13 jährigen Schülern untersucht. Dabei konnten 88% eindeutig einer Rolle zugeordnet werden.

  • Bullies → 7%
  • Assistants → 7%
  • Reinforcer → 20%
  • Outsider → 24%
  • Defenders → 17%
  • Victims → 12%
  • 5-9% regelmäßig in der Rolle des Bully
  • 5-11% dauerhaft in der Rolle des Opfers

Starke Schwankungen zwischen Schulen und tlws. zwischen Klassen

Geschlechtsunterschiede

  • Jungen öfter → Täter, Assistenten, Anstachler
  • Mädchen öfter → Verteidiger, Außenstehende
  • Kein Unterschied → Opferrolle

Rollenstabilität und Prävalenz

Grundschule
  • Opferrolle → Geringe Stabilität (3-4% der Erstklässler über 4 Monate konsistent Opfer)
  • Täterrolle → Etwas höhere Stabilität (15% der Erstklässler über 4 Monate konsistent Täter)

Prävalenz für Opfer relativ hoch (15-35%)

Weiterführende Schulen
  • Hohe Stabilität von Opfer und Täter
    → 2 von 3 Jungen bleiben über ein Jahr in ihrer Rolle (Täter/Opfer)
  • Bis zu 95% Übereinstimmung zwischen Opfer- oder Täterrolle zum folgenden Jahr
    → Vermutlich Manifestierung zw. 13.-16. LJ

Prävalenz für Opfer relativ gering (5-16%)

Gründe abnehmende Opferprävalenz

Möglich Gründe, warum die Opferprävalenz mit zunehmendem Alter abnimmt:

  • Immer weniger ältere Schüler, die stärker/mächtiger sind
  • Kinder lernen soziale Fähigkeiten und Durchsetzungsvermögen
  • Spezifischere Wahl der Opfer mit höherer Konsistenz gegen bestimmtes Opfer

Gründe geringer Rollenstabilität in Grundschule

Mögliche Gründe, warum die Rollen in der Grundschule wenig stabil sind:

  • Explorative statt systematische Herangehensweise → Verschiedene Opfer
  • Überzeugung symmetrischer Beziehungen → Viele Opfer/Täter
  • Kognitiv werden eher Dyaden, weniger komplexe Netzwerke repräsentiert
Gruppenebene

Ein später Aufbau hierarchischer Strukturen („Niedriger Status“ wird erst später sichtbar) führt dazu, dass Opfer mit niedrigem Status auch erst später geziehlt ausgewählt werden können.

2.3. Methoden zur Erfassung von Bullying

Prinzipiell kann Bullying über folgende Wege erfasst werden:

  • SelbstberichtBully/Victim Questionnaire (BVQ)
  • MitschülerberichtParticipant Role Questionaires (PRQ)
  • Lehrerbericht

Beispielfragen: Participant Role Questionaires (PRQ)

  • „Wer schikaniert andere, indem er/sie tritt, rumschubst oder stößt?“
  • „Wer schikaniert andere, indem er/sie gemeine Geschichten erzählt und erfindet, damit eine bestimmte Person nicht gemocht wird?“
  • „Wer ist dabei, um zuzusehen, wenn jemand schikaniert wird?“
  • „Wer wird oft körperlich attackiert (geschlagen, getreten, gestoßen)?“

2.4. Entstehung von Bullying

Teufelskreis des Bullying

Zunächst gibt es Risikofaktoren, die Bullying auslösen können. Sobald Bullying einmal vorliegt, entwickelt sich ein Teufelskreis:

  • Risikofaktoren
  • Bullying
  • Verhalten zu Beginn
  • Verhalten im Verlauf
  • Erlernte Verhaltensmuster
  • → Bullying
0. Riskiofaktoren
  • Schülereigenschaften
  • Sozialisation/Familie
1. Verhalten zu Beginn
  • Opfer → Ängstlich/Verunsichert
  • Mitschüler → Ängstlich/Fasziniert
  • Lehrer → Unentschlossen/Uneinig
  • Eltern → Unwissend/Hilflos
2. Verhalten im Verlauf
  • Opfer → Passiv/Zurückgezogen
  • Mitschüler → Voyeure/Mitläufer (passiv)
  • Lehrer → Inkonsistent/Kein Handeln
  • Eltern → Reaktion nicht möglich
3. Erlernte Verhaltensmuster

Erlernte Verhaltensmuster durch:

  • Verstärkung
  • Duldung
  • Modelllernen

Entwicklung von Bullies

Modell sozialer Informationsverarbeitung

Als Grundlage zur Erklärung, warum Bullying entsteht, kann das Modell sozialer Informationsverarbeitung verwendet werden.

  1. Informationsaufnahme
  2. Informationsinterpretation
  3. Exploration von Handlungsmöglichkeiten → „Welche kenne ich / habe ich jetzt“
  4. Bewertung von Handlungsmöglichkeiten → „Welche davon sind sinnvoll / führen zum Erfolg“
  5. Handlungsausführung

⇒ Anschließend erneute Informationsaufnahme

Hypothese

Die Hypothese, die sich aus dem Modell ableitet lautete, dass Bullying (oder allgemein Aggression) aus einer fehlerhaften Verarbeitung sozialer Informationen resultiert.

Eine oder mehrere Stufen der sozialen Informationsverarbeitung sind gestört

Demnach wären Bullies (bzw. Aggressive) soziale Außenseiter mit mangelnder sozialer Einsicht.

Modell der Perspektivenübernahme (Theory of Mind)

Die Theory of Mind bezeichnet:

„The ability of individuals to attribute mental states to themselves and others in order to explain and predict behavior.“ (Sutton et al., 2001)

Dazu zählen:

  • Gedanken
  • Wünsche
  • Überzeugungen
  • Gefühle
Hypothese

Es kann auch davon ausgegangen werden, dass Bullying eine erhöhte Theory of Mind erfordert, da der Bully eine (1) intentional geplante Manipulation vornimmt und (2) andere täuscht. Dies scheint vor allem bei indirektem Bullying er Fall zu sein.

Demnach wären Bullies sozial Intelligente insbesondere bzgl. Perspektivenübernahme.

Studie

In einer Studie von Sutton et al. (1999) wurden 193 Kinder zwischen 7-10 Jahren aus der Unter- und Mittelschicht untersucht. Dabei wurden folgendes gemessen:

  • Rolle beim Bullying → Gekürzte Version des PRS
  • Sozialkognitive Fähigkeiten (Emotional/Kognitiv) → 11 Kurzgeschichten mit Bildern
Zentrale Ergebnisse

Bullies hatten allgemein höhere Werte als Anhänger und Opfer.

  • Positiver Zusammenhang (.29**) zw. Ausmaß an Bullying und Bully-Perspektivenübernahme
  • Negativer Zusammenhang (-.15*) zw. Ausmaß an Opfer-Viktimisierung und Opfer-Perspektivenübernahme
Diskussion

Wichtig ist dabei den Unterschied von Perspektivenübernahme und sozialer Kompetenz zu beachten.

  • Empathie → Perspektivenübernahme + Gefühlskongruenz/Mitgefühl
  • Soziale Kompetenz → Wissen, fühlen, handeln

2.5. Interventionsmaßnahmen

Interventionsebenen

  • Opferperspektive → Unterstützung und Stärkung (z.B. Gewaltmeldung unterstützen, Patenschaften)
  • Täterperspektive → Konsequente Sanktionierung, Leistungsförderung (z.B. Alternative Bewertungs-/Verhaltensweisen)
  • Eltern-/Lehrerperspektive → Information, Einflussmöglichkeiten einüben
  • Schul-/Klassenperspektive → Kompetenzförderung, Schul-/Klassenklima, Normen aufstellen

⇒ Höchste Effektivität → Mehrebenenkonzepte

Interventionsmaßnahmen

  • Klare/Konsistente Sanktionen (essentiell)
  • Stärkung der Opfer
  • Entwicklung von Normen/Empathie (besonders in Grundschule)
  • Kontext verändern

Individuenzentrierte Ansätze bleiben ohne Änderung des Kontext des Bullying ohne Wirkung

Prävention

  • Gewaltlose Schulkultur
  • Professionelle Personalentwicklung → Prävention als integraler Bestandteil (nicht als Zusatzaufgabe)
  • Lehrerausbildung → (1) Schülerbezogenes, (2) sorgendes, (3) aufmerksam beobachtendes, (3) kompetent intervenierendes Modellverhalten

⇒ Lehrer sollten ihre Funktion als Modell als substantiellen Teil ihrer Aufgabe sehen

⇒ Psychologen/Pädagogen sollten eine gruppenzentrierte Perspektive wählen (keine individuenzentrierte)

 
uni-leipzig/psychologie/module/entwicklung2/2.txt · Zuletzt geändert: 2013/08/04 13:56 von carlo
 
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